Buch

"Es war keine abgeschirmte Chinatown"

Jahrelang sammelte der Hamburger Historiker Lars Amenda Dokumente, Polizei- und Gestapoakten über das Chinesenviertel. Jetzt veröffentlichte er ein Buch.

Der Hamburger Historiker Lars Amenda hat jahrelang Dokumente, Polizei- und Gestapoakten über das Chinesenviertel gesichtet. Er lehrt heute an der Uni Osnabrück. Vor kurzem veröffentlichte er für die "ZEIT"-Stiftung den Band "China in Hamburg" (Ellert & Richter-Verlag).

Hamburger Abendblatt: Die Chinesen auf St. Pauli galten in den 1920er Jahren als undurchschaubar und sogar zwielichtig. Woran lag das? Nur an der fremden Sprache?

Lars Amenda: Der Blick auf sie hat sich geändert. In der frühen Neuzeit galt China als Hochkultur, unter wohlhabenden Europäern war es schick, chinesisches Porzellan zu haben und Tee zu trinken. Das änderte sich im 19. Jahrhundert mit der chinesischen Arbeitsmigration vor allem in die USA: Viele hatten das Bild des anspruchslosen, arbeitsamen Kuli im Kopf. Allerdings war das China-Bild in Europa immer auch ambivalent. Schon um 1900 war in deutschen Zeitungen von der „gelben Gefahr“ die Rede.

Hamburger Abendblatt: Gerade in Hamburg gab es doch aber durch den Ostasiatischen Verein frühe Handelsbeziehungen zu China. Warum dieses Misstrauen?

Amenda: Die Handelsbeziehungen waren in der Zeit des Kolonialismus nicht sehr gleichberechtigt. Aber nach dem Ersten Weltkrieg 1921 unterzeichnete Deutschland mit China einen Friedensvertrag, in dem auch die gegenseitige wirtschaftliche Zusammenarbeit vereinbart wurde. Mit den Schiffen der Hapag und des Norddeutschen Lloyd kamen auch viele chinesische Seeleute nach Hamburg, sodass sich diese kleine chinesische Kolonie etablieren konnte. Das Auswärtige Amt in Berlin und die chinesische Botschaft achteten sorgfältig darauf, dass chinesische Staatsangehörige in Deutschland nicht diskriminiert wurden.

Hamburger Abendblatt: Und das änderte sich dann?

Amenda: Die Hamburger Polizei hat Chinesen gerne mal ausgewiesen, gerade Seeleute, die in Hamburg ein Geschäft eröffneten. In der Inflationszeit Ende der 1920er Jahre war ein chinesischer Seemann, der hier mit britischen Pfund ankam, schon fast vermögend.

Hamburger Abendblatt: Viele Hamburger besuchten aber gern die Bars und Tanzlokale der Chinesen.

Amenda: Ja, viele fühlten sich davon angezogen. Ein paar Buddhisten zum Beispiel, Intellektuelle und Künstler-Cliquen, die das in den 1920er Jahren im positiven Sinn exotisch fanden und auch die fremden Gerichte gern mochten.

Hamburger Abendblatt: Viele Chinesen auf St. Pauli lebten gar nicht abgeschottet, sondern hatten deutsche Frauen und gemeinsame Kinder.

Amenda: Ja, es war keine abgeschirmte Chinatown wie in den USA, sondern auf St. Pauli bunt gemischt. Viele Chinesen hatten ihre Geschäfte - Wäschereien, Unterkünfte, Kneipen - in Kellern, die waren billiger anzumieten. Gerade in der Schmuckstraße, wo die meisten Chinesen lebten, war das so. Das führte zu der Schauerballade des geheimen unterirdischen Tunnelsystems, das die Chinesen angeblich gegraben hätten.

Hamburger Abendblatt: Auch in Rotterdam, Amsterdam, London und Liverpool bildeten sich chinesische Kolonien. Gab es dort auch Ressentiments?

Amenda: Da tauchten einige ähnliche Muster auf, wie etwa der Ruf des Geheimnisvollen. Es gibt aber auch deutliche Unterschiede. In Großbritannien waren die Behörden eher entspannt den Chinesen gegenüber, dort aber es kam dort zu vehementen Kampagnen der britischen Seeleute-Gewerkschaft, weil die Chinesen sich mit viel weniger Heuer begnügten. Während des Ersten WK wurde das kleine Londoner Chinesenviertel sogar gewalttätig angegriffen. Die britischen Zeitungen haben damals schon sehr schrill über vermuteten Drogenhandel berichtet.

Hamburger Abendblatt: In den Vergnügungsvierteln der 1920er Jahre war Kokain die Modedroge der Künstler und Intellektuellen. Wie war es mit dem Opiumrauchen? War das eine speziell chinesische Gewohnheit?

Amenda: Ja, das war nur in chinesischen Kreisen üblich, natürlich nicht bei allen Chinesen. Bekannt ist, dass in einigen Kellern in der Schmuckstraße Opium gekocht wurde, was zu Beschwerden der Nachbarn über den penetranten Geruch führte. Kokain wurde an der Grenze von Hamburg zu Altona gedealt, in kleinen Keksen. Aber damit hatten die Chinesen nichts zu tun. Das kann man relativ sicher sagen, weil die Polizei diesen Handel intensiv verfolgt hat und regelmäßig Razzien machte. Das Opium, das immer mal in chinesischen Kellern gefunden wurde, war für die deutsche Bevölkerung keine Gefahr, wie sie dann in der Nazizeit konstruiert worden ist.

Hamburger Abendblatt: Gab es für die Chinesenaktion 1944 einen zentralen Befehl der Reichsregierung oder war sie ein Hamburger Alleingang?

Amenda: Das war ein Hamburger Alleingang. Der maßgeblich in Hamburg beteiligte SS-Mann Erich Hanisch, der seit 1941 im besetzten Polen Deportationen der jüdischen Bevölkerung organisiert hatte, kam 1943 zurück nach Hamburg und führte seine Tätigkeit hier weiter. Deshalb ist es auch erst so spät zu Aktionen gegen die Chinesen gekommen. Dass sie ab 1943 verstärkt terrorisiert wurden, war vor allem Hanischs Werk.

Hamburger Abendblatt: Die Chinesen wurden nicht als Opfer rassistischer Verfolgung anerkannt. Haben sie eine Entschädigung für ihre Haftzeit oder Wiedergutmachung bekommen?

Amenda: Nein, für viele der betroffenen Chinesen war es wie eine Ohrfeige, dass die Chinesenaktion nach dem Krieg bei den Gerichten als „normale Polizeiaktion“ abgetan wurde. Einer der betroffenen Chinesen hat gerichtliche Auseinandersetzungen bis in die frühen 60er Jahre geführt. Ohne Erfolg.