"Es war keine abgeschirmte Chinatown"

Der Hamburger Historiker Dr. Lars Amenda hat jahrelang Dokumente, Polizei- und Gestapoakten über die Chinesenkolonie gesichtet. Gerade erschien sein Buch "China in Hamburg".

Hamburger Abendblatt:

Die Verfolgung der Chinesen unter den Nazis begann spät, um 1938. Woran lag das?

Lars Amenda:

1921 unterzeichneten Deutschland und China einen Friedensvertrag, in dem auch wirtschaftliche Zusammenarbeit vereinbart wurde. Mit den Schiffen der Hapag und des Norddeutschen Lloyd kamen auch viele chinesische Seeleute nach Hamburg. Das Auswärtige Amt in Berlin und die chinesische Botschaft achteten sorgfältig darauf, dass chinesische Staatsangehörige in Deutschland nicht diskriminiert wurden. Das änderte sich, als China 1941 Deutschland den Krieg erklärte. Danach hatten die Chinesen keinen konsularischen Schutz mehr.

Entgegen ihrem Ruf lebten viele Chinesen auf St. Pauli nicht abgeschottet, sondern hatten deutsche Partnerinnen und gemeinsame Kinder.

Amenda:

Ja, es war keine abgeschirmte Chinatown wie in den USA. Aber viele Geschäfte der Chinesen - Wäschereien, Unterkünfte, Kneipen - lagen in Kellern, die Mieten waren billig. Gerade in der Schmuckstraße war das so. Das führte zu der Schauerballade des geheimen unterirdischen Tunnelsystems, das die Chinesen gegraben hätten.

Und wie war das mit den Opiumhöhlen?

Amenda:

Das war nur in chinesischen Kreisen üblich, natürlich nicht bei allen Chinesen. In einigen Kellern in der Schmuckstraße wurde Opium gekocht, die Nachbarn beschwerten sich über den penetranten Geruch. Aber das Opium, das manchmal in chinesischen Kellern gefunden wurde, war für die deutsche Bevölkerung keine Gefahr, wie sie dann in der Nazizeit konstruiert wurde. Mit dem Kokainhandel, der damals an der Grenze zu Altona am Nobistor ablief, hatten die Chinesen nichts zu tun.

Eine Langfassung des Interviews lesen Sie unter abendblatt.de/larsamenda