Südafrikanische Künstlerinnen

Südafrika zu Gast auf Sylt: Vom Licht inspiriert

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Während alle nach Südafrika schauen, beleben drei Südafrikanerinnen die Kulturszene auf der Nordseeinsel Sylt.

Rantum. Sie sagen tatsächlich: "als die Mauer fiel". Die Mauer, die die Apartheid in Südafrika zwischen den Menschen verschiedener Hautfarben errichtete. Jetzt ist dort WM, die Apartheid überwunden. Noch gibt es Mauerreste, aber die lassen sich schwer beschreiben, erst recht an einem Sommertag auf Sylt, wo die Sonne sanft durch den Dunst scheint.

Die Fotokünstlerin Lien Botha und die Malerin Alexandra Ross sind derzeit Stipendiatinnen der Stiftung Sylt-Quelle in Rantum; die Lyrikerin Lebogang Mashile war es 2002, gerade ist sie auf Deutschlandtour mit ihrem neuen Gedichtband, den die Stiftungs-Chefin Indra Wussow herausgegeben hat.

In ihrer Heimat sind alle drei keine Unbekannten. Bothas Fotografien hängen unter anderem im South African Museum in Kapstadt, Ross hatte 2009 ihre erste Einzelausstellung, und Mashile ist Poetry-Performerin, Schauspielerin und TV-Moderatorin. Selten kommt ein Trio zusammen, das so unterschiedliche und doch so typisch südafrikanische Wurzeln hat.

Alle sind viel gereist - Lien Botha schon deshalb, weil ihr Vater Pik Botha als Diplomat unter anderem in Stockholm und Köln tätig war, bevor er Außenminister der letzten weißen Übergangsregierung und danach der ersten unter Nelson Mandela wurde. "Landschaften gehören zu meinen Schwerpunkten", sagt Botha, 1961 in Pretoria geboren. "Ich zeige die Spuren menschlicher Präsenz. Landschaft, dahin kehren wir immer wieder zurück. Sie ist der große Equalizer, das, was uns zu Gleichen macht."

Ihre Werke wirken wie kleine dokumentarische Stillleben - die Tradition der anklagenden Fotodokumentationen, die die Ungleichheit im Apartheidsregime abbildeten, wird abgelöst von einer ruhigen Betrachtung der Menschen und ihrer Umgebung, der Details in ihrem Alltag. "Wir hatten immer Mauern, Gewalt, Feindseligkeit. Jetzt haben wir eine Demokratie und sehen, dass sie nicht komfortabel ist", sagt Botha. "Wir stoßen immer wieder an menschliche Grenzen."

Alexandra Ross, 1968 in London geboren, kam 1972 nach Pretoria und machte später in Johannesburg ihren Master in Fine Arts. Neben der Malerei experimentierte sie mit Fotografie und Druck. Ihre Bilder sind wie Blicke durch Fenster und Rahmen, Blicke auf eine subtile, mehrdeutige, nebelhafte Realität. Ross liebt starke Licht- und Schattenspiele. Dabei denkt sie an über- und unterbelichtete Polaroids. "Die sind wie mein Land, immer extrem." Auch auf Sylt fühlt sie sich vom Licht inspiriert.

Ross' Stil ist urban, universell. Zu glauben, in Afrika werde in schweren, erdigen Safari-Farben gemalt und an der Folklore geklebt, ist ein Klischee. In Johannesburgs quirliger, temperamentvoller Avantgardeszene ist alles möglich. Wer Lebogang Mashile dort auf Spoken-Words-Events hört, oft begleitet von Hip-Hop- und R&B-Sound, erlebt die erste Generation der Freiheit: unruhig, fragend, fordernd.

Geboren ist das 1,50 Meter kleine Energiebündel 1979 im US-Bundesstaat Rhode Island, ihre Eltern waren ins Exil gegangen. Als sie 1995 nach Südafrika zurückkehrten, war Lebo ein Teenager, aufgewachsen mit Nike, Hip-Hop und amerikanischen TV-Serien. "Zu Hause sprachen wir immer unsere Sprache, Sisotho, und ich fühlte in meinem Herzen, dass ich keine Afroamerikanerin bin, sondern Afrikanerin", sagt sie. "Ich sah das neue Südafrika durch eine rosarote Brille - bis wir dort ankamen."

Da begann eine sehr schwierige, ungewohnte Realität. "Unsere ständige Diskussion ist: Wer sind wir ? Was ist Südafrika heute, was ist überhaupt afrikanisch? Wir waren ja auch in Afrika isoliert." Ihre Poeme antworten auf diese Fragen mit in Wort gegossenen Gefühlen, sprachlich geschliffenen Eruptionen, immer wieder geht es um Identität, um Appelle an eine universelle Humanität.

Die Kunstszene, die verschiedene Traditionen und Kulturen integrieren will, habe noch kein großes Gewicht, sagt Lien Botha. "Unsere Rolle ist die des kritischen Zwischenrufers. Unsere Gesellschaft ist unruhig, die Sozialpolitik fällt auseinander, wir müssen die Armut in den Griff bekommen. Die größte Integrationskraft hat im Moment der Sport. Da sind sich alle Südafrikaner mal einig: Diese WM ist unsere WM."

Lebogang Mashile: Töchter von morgen. Gedichte, Verlag Afrikawunderhorn, 125 S., 1 CD, 18,90 Euro; ihre Homepage: www.lebomashile.com

Werke von Alexandra Ross und Lien Botha zum Ansehen: www.kunstraum-syltquelle.de