Kino-Neustart

Das Coming Out eines verliebten Hochstaplers

| Lesedauer: 3 Minuten
Martin Schwickert

Foto: alamode

Die erfrischende Komödie "I Love You Phillip Morris" mit Jim Carrey und Ewan McGregor in den Hautrollen, hat eine wahre Geschichte.

Steven Russel (Jim Carrey) ist ein Mann, wie man ihn im konservativen Texas liebt. In seiner schmucken Polizeiuniform sorgt er für Recht und Ordnung. Zu Hause warten ein frommes Weib und bezaubernde Kinder. Sonntags singt der Gutmensch sogar im Kirchenchor. Aber nach einem Autounfall landet Russel auf der Intensivstation und durch die Nah-Tod-Erfahrung beschließt er, endlich zu sein, was er eigentlich immer schon war: schwul. Er verlässt Texas, Heim, Frau und Kind und zieht ins freizügigere Miami, wo er einem exaltierten, homosexuellen Lebensstil frönt samt Latin Lover, Schoßhund und ausschweifenden Partys.

Das alles kostet sehr viel mehr Geld, als Russel auf legalem Wege verdienen kann, und so betätigt sich der ehemalige Polizist als erfolgreicher Betrüger. Schließlich hat er das Spiel mit falschen Identitäten schon sein Leben lang betrieben. Aber auch der geschickteste Hochstapler landet irgendwann einmal im Gefängnis, und das ist für Russel die glücklichste Wendung in seinem Leben. Nicht weil ihn das US-amerikanische Justizvollzugssystem wieder auf den rechten Weg bringt, sondern weil er im Knast die Liebe seines Lebens kennenlernt. Phillip Morris heißt der junge Mann, der sich schüchtern durch die Gefängnisflure drückt und weder verwandt noch verschwägert mit dem gleichnamigen Zigarettenhersteller ist. Die beiden verwandeln die Zelle in ein romantisches Liebesnest, und als Russel entlassen wird, kehrt er wenige Tage später als Anwalt verkleidet zurück, um den Geliebten vorzeitig freizubekommen. Aber auch als sich das Liebesglück jenseits der Knastmauern fortsetzt, kann Russel vom kriminellen Broterwerb nicht ablassen und reitet den ahnungslosen Lover fast mit ins Verderben. Immer wieder landet Russel hinter Gittern und immer wieder schafft er es, von der Sehnsucht nach seinem Geliebten befeuert, aus dem Gefängnis auszubrechen.

Kaum zu glauben, aber "I Love You Phillip Morris" ist kein Hirngespinst besonders einfallsreicher Drehbuchautoren, sondern basiert auf der realen Geschichte des schwulen Ausbrecherkönigs Steven Russel. Aber John Requa und Glenn Ficarra entwerfen in ihrem Regiedebüt alles andere als ein langweiliges Biopic. Mit dramaturgischer Leichtigkeit tanzen sie durch die originelle Biografie ihres Helden und entwerfen eine quirlige romantische Komödie, in der Slapstick-Elemente, derber Wortwitz, wahre Liebe und die Lust am betrügerischen Wechsel der Identitäten nebeneinander Platz haben. Jim Carrey nervt hier, obwohl er im Komödienmodus läuft, nicht durch wildes Overacting, sondern zeichnet seine Figur mit liebevoller Ironie. Auch Ewan McGregor überzeugt als zarter, etwas schusseliger Lover, an den wir jederzeit unser Herz verschenken würden.

Trotz seiner unbestrittenen Starbesetzung hat der Film in den USA bisher keinen Verleih gefunden. Auch in der Obama-Ära wollte man dem US-amerikanischen Publikum keinen schwulen Jim Carrey zumuten. Dabei liegt gerade im offenen und von betulichen Toleranzposen befreiten Umgang mit der Homosexualität die erfrischende Stärke dieser hochromantischen Komödie, in der die Liebe über alle Mauern hinwegzugehen vermag.

++++- I Love You Phillip Morris USA 2009, 97 Minuten, ab 16 Jahren, R: John Requa, Glenn Ficarra, D: Jim Carrey, Ewan McGregor, Leslie Mann, täglich im Abaton (OmU), Hansa-Studio, Streit's (OF), UCI-Othmarschen Park, UCI Smart-City; www.i-love-you-phillip-morris.de