Cannes: Wettbewerb ohne deutschen Film

Künstlerisch mangelhaft

Der Negativtrend der Berlinale setzt sich an der Croisette fort. Aber deutsche Produzenten sind gut im Geschäft.

Cannes. Überfliegt man aus deutscher Perspektive das Programm der 63. Festspiele in Cannes vom 12. bis 23. Mai, ist die erste Reaktion Enttäuschung: Wieder einmal ein Wettbewerb ohne deutsche Beteiligung! Doch ein zweiter Blick lohnt sich.

Hinter "Over Your Cities the Grass Will Grow" z. B. verbirgt sich ein Porträt Anselm Kiefers, gezeichnet von Sophie Fiennes, der hoch talentierten Schwester von Ralph und Joseph. Oder Sergei Loznitsas "Mein Glück": Das ist zunächst die Geschichte eines Fernfahrers, der in Russland in eine Spirale der Gewalt und Willkür gerät und schließlich selbst zum Verbrecher wird - aber auch eine Produktion der jungen Leipziger Firma ma.ja.de. Ebenfalls in Leipzig sitzt die Neue Mediopolis, deren "Tournee" es in den Wettbewerb geschafft hat; Mathieu Amalric - fabelhaft in "Schmetterling und Taucherglocke" - spielt einen Bühnenproduzenten, der mit einer Burlesque-Show durch Frankreich tingelt. Um das Leipziger Glück komplett zu machen, hat - vermutlich - auch die dort ansässige Egoli Tossell Film "Carlos der Schakal" im Wettbewerb. Der Venezolaner Edgar Ramirez in der Titelrolle des berüchtigten Terroristen ist von einem deutschen Ensemble aus Nora von Waldstätten, Alexander Scheer, Christoph Bach, Julia Hummer und Katharina Schüttler umgeben.

So belegt das Cannes-Programm die gute internationale Vernetzung deutscher Produzenten - und zugleich den Mangel an künstlerisch interessanten Filmen hierzulande, der sich schon auf der Berlinale abzeichnete. Immerhin in die Nebenreihe "Un Certain Regard" haben es Oliver Schmitz und Christoph Hochhäusler geschafft. Schmitz' "Life, above all" handelt von der zwölfjährigen Chanda, die in einem Dorf bei Johannesburg mit einem dunklen Geheimnis konfrontiert wird. Hochhäuslers "Unter dir die Stadt" mit Robert Hunger-Bühler und Nicolette Krebitz erzählt von der Affäre eines Frankfurter Bankers mit der Frau eines seiner Angestellten; kein Film über "die Krise", aber eine Mischung aus David-und-Bathseba-Königsdrama und Mentalitätsstudie einer Branche.

Die wird auch in Oliver Stones "Wall Street: Money Never Sleeps" zu studieren sein, in der wir nach 20 Jahren Michael Douglas als Gordon Gekko wieder begegnen. Mike Leigh präsentiert mit "Another Year", eine Art Fortführung seines "Happy-go-lucky". Noch eine Fortsetzung kommt von Nikita Michalkow, der in "Die Sonne, die uns täuscht 2" seine beiden sowjetischen Weltkriegshelden neu belebt (obwohl sie am Ende von Teil eins starben).

Woody Allens Komödie "You Will Meet a Tall Dark Stranger", Bertrand Taverniers Verfilmung eines Romans der Madame de la Fayette, "La Princesse de Montpensier", Takeshi Kitanos neuer Yakuza-Thriller "Autoreiji" und Abbas Kiarostamis "Copie Conforme" setzen die Parade der Altmeister fort; ausgerechnet der Iraner kommt mit einer Liebesgeschichte zwischen einem Engländer und einer Französin in Italien.

Was gestern bekannt wurde, muss nicht die komplette Liste sein. Insgeheim hofft man weiter auf Terrence Malicks "Tree of Life" mit Brad Pitt und Julian Schnabels "Miral" mit Willem Dafoe.