Literatur

Der Kampf der Internet-Eingeborenen

Hamburg. Die Abenteuergeschichte - oder soll man lieber Thriller sagen? - "Little Brother" ist auch ein Jugendroman, vor allem aber ist sie eine zeitgemäße Version des Orwell-Klassikers "1984". Sie ist zudem die Kampfschrift für digitale Freiheit, um die auch hierzulande gerungen wird: in einer generationenübergreifenden Einheit von alten Liberalen und jüngeren Internetsurfern, die wegen der Vorratsdatenspeicherung vors Verfassungsgericht zogen.

Von dieser Allianz der Freiheitskämpfer ist allerdings in "Little Brother" nichts zu spüren. Im Gegenteil - die Geschichte entwickelt sich zu einem regelrechten Generationskonflikt, in dem die Jungen die Guten sind. Um was geht es? Der amerikanische Heimatschutz macht nach einem Anschlag auf die Bay Bridge San Francisco zu einem Datengefängnis. Der "Patriot Act II" erlaubt dem Staat, über Karten- und Mautzahlungen sowie über die Tickets des öffentlichen Nahverkehrs die Wege seiner Bürger nachzuvollziehen. Außerdem sind Überwachungskameras auf die Stadt gerichtet. Datenspuren allüberall: Niemand kann mehr einen Schritt unüberwacht tun. Und wer ein besonderes Bewegungsprofil hat, der ist bald in Erklärungsnöten, wenn ihn die Leibgarde Amerikas zur Rede stellt. Marcus, der Held dieser kleinen Horrorgeschichte, windet sich durch das enge Netz der Verfolgung. Er ist ein Hacker - und damit ein Held der Freiheit. Am Tag des Anschlags, der Tausenden Menschen den Tod bringt, schwänzt er mit seinen Freunden den Unterricht, sie haben die Kameras überlistet, die an den Schulen längst normal sind. Sie sind Gamer und beteiligen sich an einer Art virtuellen Schnitzeljagd an realen Orten. Dann gibt es einen Knall, San Francisco ist unter Beschuss. Die Teenager gehören plötzlich zu den Verdächtigen, sie werden vom Heimatschutz auf eine Insel geschafft, verhört, gedemütigt.

Als verletzte Jugend Amerikas kommen sie aus dem Gefängnis. Marcus beschließt zu kämpfen. Gegen den Staat, der seine eigene Verfassung aushöhlt. Marcus wird zum Anführer der Digital Natives, die sich in der digitalen Welt mit der Sicherheit von Eingeborenen bewegen. Die Daten-Guerilla bringt die binären Codes der Menschen auf den Straßen durcheinander. Das Chaos, das so entsteht, entlarvt die rigide Abriegelung der Metropole als willkürlichen Akt eines panischen Systems. "Little Brother" will ein Debattenbeitrag sein und könnte plakativer kaum sein. Am Ende siegt die Internetgeneration über den hysterisch um sich schlagenden Staat.

In der Bestsellerliste der "New York Times" stand "Little Brother" auf Platz eins, Cory Doctorow ist ein kanadischer Blogger, der laut "Forbes Magazine" zu den 25 einflussreichsten Menschen im Netz zählt. Die Internetgemeinde begrüßte das Buch euphorisch - als Menetekel, das die Gefahren des ungehinderten Datenflusses in grellen Farben an die Wände aller Freiheitsliebenden projiziert. "Little Brother" vermittelt einen Eindruck vom virtuellen Eigenleben wirklicher Menschen; und es erzählt die Urgeschichte von erster Liebe, Freundschaft und dem Einzelnen, der mit Cleverness den Goliath besiegt.

Cory Doctorow: Little Brother, Dt. von Uwe-Michael-Gutzschhan, Rowohlt, 488 S., 14,95 Euro