ZDF: Interview mit Peter Frey

"Medienpolitik ist nicht meine Aufgabe"

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Kai-Hinrich Renner

Foto: Carmen Sauerbrei / Carmen Sauerbrei/ZDF

Der neue Chefredakteur Peter Frey will weniger Köpfe im Programm des ZDF, und die Magazine sollen mehr Profil zeigen.

Hamburg / Mainz. Hamburger Abendblatt: Herr Frey, hat Sie seit Ihrem Amtsantritt schon ein Politiker besucht?

Peter Frey: Nein. Wenn man hier draußen auf dem Mainzer Lerchenberg sitzt, hat man schon aus geografischen Gründen eine gewisse Distanz zur Politik.

Den einstigen CSU-Generalsekretär Markus Söder hinderte das nicht, Ihren Vorgänger Nikolaus Brender aufzusuchen und ihm zu erklären, leitende Positionen müssten entsprechend den politischen Machtverhältnissen besetzt werden.

Mir ist so etwas noch nicht passiert, aber wenn so etwas passieren sollte, werde ich genauso reagieren wie Brender ...

... der Söder auf Artikel 5 des Grundgesetzes verwies, der die Pressefreiheit garantiert.

Personalentscheidungen sind Sache des Chefredakteurs und des Intendanten.

Sie sind in Ihr Amt gekommen, weil die Unions-Mehrheit im Verwaltungsrat Brenders Vertrag nicht verlängern wollte. Ist das eine Belastung?

Es ist für das ganze Haus eine Belastung, wenn ein Vorschlag des Intendanten im Verwaltungsrat keine Gnade findet. Dem Intendanten ist es aber gelungen, einen Kandidaten zu präsentieren, der einstimmig gewählt wurde. Daraus ergibt sich eine neue Perspektive für das Haus.

Ist der Einfluss der Politik in den Gremien des ZDF zu groß?

Das ist wohl so. Da laufen derzeit ja auch die entsprechenden politischen Initiativen.

Sie meinen den Vorstoß der Grünen und des rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck, die den ZDF-Staatsvertrag vom Bundesverfassungsgericht überprüfen lassen wollen.

Was da in Gang gekommen ist, kann man nur begrüßen. Aber Medienpolitik ist nicht die Aufgabe des ZDF-Chefredakteurs. Ich muss den Redaktionen vermitteln, dass Unabhängigkeit ein zentraler Wert ist. Es gibt drei Ebenen: Erstens muss sich jeder ZDF-Journalist prüfen, ob er frei von politischen, wirtschaftlichen oder anderen Interessen agiert. Zweitens benötigt jede Redaktion einen guten Teamgeist. Unter dem Gesichtspunkt politischer Einflussnahme ist wichtig, wie eine Redaktion tickt. Drittens müssen Geschäftsleitung, Chefredakteur und Intendant Rückendeckung geben.

Mit dem neuen virtuellen ZDF-Nachrichtenstudio sind Sie "nur eingeschränkt zufrieden". Was gefällt Ihnen nicht?

Unser neues Studio ist Vorbild für viele europäische Sender. Aber ich habe mir die Freiheit genommen, es so zu beurteilen, wie ich es auf dem Schirm wahrnehme: Die Moderatoren müssen sich zu sehr gegen die Technik durchsetzen. Das schränkt sie in ihrer Präsenz beim Zuschauer ein. In Zeiten medialer Überflutung sind sie aber das Bindeglied zwischen Zuschauer und Nachrichten. Man möchte ihnen möglichst nahekommen. Unsere Moderatoren haben starke Bindungskräfte. Man muss ihnen Gelegenheit geben, sie zur Entfaltung kommen zu lassen.

Sie wollen "die Zahl der Bildschirmköpfe" verringern und die "Austauschbarkeit der Magazinthemen" aufbrechen. Was heißt das konkret?

Wir sind mit zu vielen Köpfen unterwegs. Um die Bindung zum Zuschauer zu verstärken, müssen wir unsere kompetentesten Leute besser einsetzen. Wir haben damit bereits angefangen: Claus Kleber hat etwa den Mehrteiler "Die Bombe" gemacht und ist derzeit mit einem neuen Projekt unterwegs. Und Marietta Slomka ist gerade von Dreharbeiten zu einem großen zweiteiligen Reportageprojekt aus Afrika zurückgekehrt, das wir während der WM zeigen werden.

Und wie wollen Sie die Magazine verändern?

Da gibt es viele, wie das "auslandsjournal" und "Mona Lisa", die fest beim Publikum verankert sind und einen klaren Markenkern haben. Aber haben wirklich alle unsere Magazine eine unverwechselbare Identität? Mir kommt es darauf an, dass die Themen von "WiSo", "Frontal21" oder den "ZDF Reportern" sich nicht austauschen lassen. Die jeweils spezifische Perspektive ist wichtig. Ob wir am Ende auf das eine oder andere verzichten, ist eine Frage, die ich mit den Kollegen diskutieren muss. Im Prinzip steht alles auf dem Prüfstand.

Ist Ihr größtes Problem, dass immer mehr Zuschauer einen großen Bogen um Informationsformate machen?

Das ist nicht nur mein Problem, sondern auch eines der Qualitätszeitungen und anderer Sender. Besonders junge Leute sind schwer zu erreichen. Deshalb ist es für uns so wichtig, unsere Inhalte auch im Internet anbieten zu können.

Ist das ZDF-Hauptprogramm ein Auslaufmodell?

Das ZDF bleibt das Vollprogramm für alle. Aber die Menschen werden immer mobiler. Wir müssen in der Lage sein, ihnen Informationen dort anzubieten, wo sie gerade sind. Deshalb müssen wir im Netz auch auf mobilen Medien wie den Smartphones präsent sein.

Zum Leidwesen der Verlage, die mit ihren Angeboten Geld verdienen müssen, entwickelt die ARD eine Gratis-App für die "Tagesschau". Planen Sie Ähnliches für "heute"?

Darauf kann und will ich noch nicht antworten. Uns geht es aber nicht um Konkurrenz, sondern um Zusammenarbeit. Wir kooperieren schon jetzt mit der "Zeit" oder Social Networks wie StudiVZ und Facebook. Diese Linie werden wir auch in Zukunft verfolgen.