Dokumentation: Richard von Weizsäcker. 21.45 Uhr ARD

Blicke auf den ewigen Bundespräsidenten

Der Mann ist ein lebendes Denkmal, den Niederungen seines Berufes längst entrückt. Richard von Weizsäcker gilt bis heute als die Idealbesetzung für das Amt des Bundespräsidenten, das er von 1984 bis 1994 ein Jahrzehnt lang innehatte. Mit seiner Rede vom 8. Mai 1985 erwarb er sich ein bis heute nicht abgeklungenes Ansehen im Ausland. Doch wer ist dieser Politiker wirklich? Was für ein Mensch ist er privat? Die Fernsehjournalistin und Moderatorin Sandra Maischberger, die bereits für ihr eindrucksvolles Porträt von Helmut Schmidt die Goldene Kamera erhielt, ist dieser Frage nachgegangen und hat von Weizsäcker zwei Jahre lang begleitet.

Herausgekommen ist ein dichtes Porträt, gezeichnet an wesentlichen Stationen seines Lebens, vom Geburtsort Stuttgart über sein Privathaus in Berlin bis nach Warschau und Moskau. Zwei seiner Kinder kommen darin ebenso zu Wort wie seine Frau Marianne. Es äußern sich auch Henry Kissinger - und natürlich die andere deutsche Polit-Ikone - Helmut Schmidt. Am 15. April wird Richard von Weizsäcker 90 Jahre alt. "Er ist wie ein Fahrrad", sagt Fritz von Weizsäcker über seinen Vater. "Wenn es nicht fährt, fällt es um."

"Eigentlich wollte ich nach Helmut Schmidt keinen Elder Statesman mehr porträtieren", sagt Maischberger im Abendblatt-Gespräch, "weil alle immer an Schmidt gemessen werden. Er ist eben eine Liga für sich." Doch offenbar machte gerade dieses gelungene Porträt des früheren Kanzlers den ehemaligen Bundespräsidenten geneigt für das Projekt. "Der Unterschied zwischen beiden ist: Helmut Schmidt hat sich selber erfunden - es gab ja keine Dynastie Schmidt", sagt Sandra Maischberger. "Es gab aber eine Dynastie Weizsäcker, was einerseits ein Plus ist. Andererseits aber auch ein Malus, weil sie das ganze historische Gepäck dabeihat - in diesem Fall das, was der Vater getan hat. Oder eben auch der Leistungsanspruch der Vorfahren."

Ein weiterer Unterschied sei, "dass Sie bei Schmidt im Prinzip Rohmaterial senden können, er spricht kurze, druckreife Sätze. Richard von Weizsäcker spricht immer in großen Zusammenhängen. Seine Frau sagt: ,Fragen Sie ihn, wie sein Tag war, und er beginnt mit dem Jahr 1848.' Das müssen Sie erst mal schneiden."

Wie hat sich Maischbergers Wahrnehmung Richard von Weizsäckers während der Dreharbeiten verändert? "Er ist eine unglaublich vielseitige Persönlichkeit. Und ich bin mir außerdem ziemlich sicher, dass es Seiten an ihm gibt, die man als Außenstehender nie sehen wird. Das hat damit zu tun, dass das oberste Prinzip dieser Familie Diskretion ist." So wird, wie man erfährt, das Wort Liebe nicht einmal privatim verwendet.

"Man bekommt zwar ein Gefühl für diesen Mann, aber es ist ambivalent. Er kann der liebenswürdigste Mensch sein, und er kann sehr zornig und extrem abweisend sein", beschreibt Sandra Maischberger ihre Eindrücke. Bei der Frage nach seinem Glauben etwa verweigert sich Weizsäcker sichtlich ungehalten, bei anderen Fragen, die auch mit seinem ausgeprägten Ehrgeiz und dem schwierigen Verhältnis zum ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl zu tun haben, fährt er seiner Interviewerin zornig über den Mund, sodass sie regelrecht zurückschreckt. Sonderlich sympathisch wirkt der Über-Präsident Weizsäcker in diesen Momenten nicht.

Was hat Sandra Maischberger da empfunden? "Weizsäcker ist eine große moralische Autorität - und dennoch gibt es da diese Seite, die mir vorher nicht so bewusst war: dass er durchaus mit einem gewissen Druck nach diesem Amt gegriffen und Helmut Kohl unter Druck gesetzt hat. Auch das ist eine Facette, die zu ihm gehört."