Ostertöne

Beglückende Ohrenreise

Hamburg. Zwei höchst unterschiedliche Werke haben sich die "Ostertöne" für ihr Abschlusskonzert ausgesucht, das Violinkonzert von Johannes Brahms und das Orchestertriptychon "... auf ..." von Mark Andre aus dem Jahre 2007 - und dazu begnadete Interpreten: Das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg und sein Chef Sylvain Cambreling fügten beide Werke zu einem tief bewegenden Ganzen.

Das Orchester hat einen hervorragenden Ruf auf dem Gebiet der Neuen Musik. Wer aber von dem romantischen Violinkonzert nur eine säuerlich-verkopfte Pflichtübung erwartete, den belehrten die Künstler vom ersten Ton an eines Besseren, so lebendig kam schon die Exposition des ersten Satzes daher, so warm und rund tönte das Tutti. Cambreling überließ keine Phrasierung dem Zufall; jede Stimme gewichtete er bewusst und erreichte so Farbmischungen, die das Stück wie neu klingen ließen.

Einen kongenialeren Solisten als Christian Tetzlaff hätte man sich nicht wünschen können. Oder sollte man "Partner" sagen? Stellte doch Tetzlaff seine Virtuosität, seine rasanten Tempi ganz in den Dienst der musikalischen Botschaft und eines federnden, agogisch flexiblen Zusammenspiels. Oft genug verschmolz sein Ton delikat mit dem der Holzbläser oder Hörner. Jede Wendung klang wie ein Bekenntnis. X-mal gehört, das Stück, aber so noch nie.

Mark Andres "... auf ..." erlebte tatsächlich seine Hamburger Erstaufführung. In drei aufeinander aufbauenden Teilen entfaltete Andre seinen Klangkosmos: Da knarrten die Bögen, oder die Blechbläser mutierten zum Gartenschlauch. Vieles spielte sich im äußersten Piano ab. Andre verflocht traditionelle Instrumentalklänge mit einer Vielfalt an Geräuschen zu einem ästhetischen Ganzen - und im dritten Teil mischten sich noch die Live-Elektroniker vom Experimentalstudio des SWR dazu. Nie ließ die Spannung nach, stets wollte man wissen, wie es weitergeht - und das bei einer Musik, die ganz ohne Melodien und über weite Strecken ohne rhythmische Struktur auskam. Eine faszinierende, eine beglückende Ohrenreise. Man hätte ihr nur entschieden mehr Teilnehmer gewünscht.