Berlinale: "Jud Süss - Film ohne Gewissen"

Wie Adolf Hitlers Hetze in die Kinos kam

Foto: © Concorde Film 2010

Roehlers Wettbewerbsbeitrag arbeitet Geschichte auf. Der Film erzählt die tragische Story des Protagonisten in Veit Harlans "Jud Süß".

Berlin. Es gab ein paar wütende Buh-Rufe für "Jud Süß". Aber solche Reaktionen ist Oskar Roehler gewohnt. Viele Filme des Regisseurs ("Der alte Affe Angst") sind in der Vergangenheit umstritten gewesen und wurden von der Kritik verrissen. Warum sollte das diesmal anders sein, zumal Roehler sich ein Thema aus der nationalsozialistischen Zeit ausgesucht hat, eine Zeit, die immer besonders kritisch unter die Lupe genommen wird.

Und zumal an Filme, die bei einem A-Festival wie der Berlinale im Wettbewerb laufen, von Journalisten sehr hohe Anforderungen gestellt werden. Außerdem hatte bereits vor der ersten öffentlichen Pressevorführung gestern im Berlinale-Palast ein Historiker dem Regisseur und seinem Drehbuchautor Klaus Richter vorgeworfen, Geschichtsfälschung betrieben zu haben. Doch zum Skandalfilm taugt "Jud Süß - Film ohne Gewissen" nicht. Denn Roehler, Richter und die Schauspielerriege um Moritz Bleibtreu, Tobias Moretti, Martina Gedeck und Justus von Dohnanyi nahm den Kritikern schnell den Wind aus den Segeln, indem sie begründete, was man im Film fiktiv verdichtet habe.

"Jud Süß - Film ohne Gewissen" erzählt die Entstehungsgeschichte des 1940 vom NS-Propagandaminister Joseph Goebbels in Auftrag gegebenen Melodrams "Jud Süß" und die Geschichte seines Hauptdarstellers Ferdinand Marian. Der von Regisseur Veit Harlan inszenierte Film "Jud Süß" war einer der erfolgreichsten der Nazizeit und förderte mit seiner subtil eingesetzten Rassenideologie den Hass auf die jüdische Bevölkerung. Und zwar nicht nur in Deutschland, sondern auch in den von der Wehrmacht angegriffenen Ländern Polen und UdSSR. In Deutschland darf der Hetzfilm nur mit wissenschaftlicher Begleitung öffentlich aufgeführt werden. Bei Roehler ist der von Tobias Moretti gespielte Marian eine tragische Figur, der die Rolle des jüdischen Finanzbeamten Joseph Süß Oppenheimer gar nicht spielen will und letztlich daran zugrunde geht. Marian kam unter nie ganz geklärten Umständen 1946 bei einem Autounfall ums Leben.

Roehler zeigt in "Jud Süß" die High Society des Nazi-Regimes. Die Empfänge sind rauschend, der Champagner fließt in Strömen, Mätressen sind jederzeit zur Stelle. "Als ich die erste Fassung des Drehbuchs las, kam es mir sehr heutig und modern vor", erklärte der Regisseur gestern. "Es glich unserer Branche, die sich oft selbst feiert. Es gab darin die Gier nach der großen Karriere, den Narzissmus, aber auch die Skrupel, die jedoch nur privat geäußert werden." Roehler setzt auf opulente Ausstattung und auf ein hochkarätiges Schauspielerensemble, das bis in die Nebenrollen erstklassig besetzt ist. Neben den oben erwähnten Hauptrollen spielen unter anderem Milan Peschel, Heribert Sasse, Armin Rohde, Martin Feifel und Robert Stadlober. Den stärksten Eindruck hinterlässt zweifellos Moritz Bleibtreu in der Rolle von Joseph Goebbels.

Bleibtreu kopiert Goebbels' rheinischen Tonfall, dessen Gehbehinderung verstärkt er noch, sodass daraus eine wirklich diabolische Figur entsteht. Er hat alle Fäden in der Hand, er setzt Marian unter Druck und lässt ihn später fallen, als "Jud Süß" den erwarteten Erfolg feiert. Bleibtreu gibt Goebbels durchaus clowneske Züge und nähert sich damit Kunstfiguren wie dem Joker aus "Batman". "Ich wollte Goebbels satirisch überhöhen. Aus heutiger Sicht ist der Typ einfach Satire", sagte Bleibtreu, ohne dabei zu vergessen, dass diese Figur ein Massenmörder war. Sein Goebbels ist ein Beelzebub in Nazi-Uniform.

Regisseur und Drehbuchautor räumten ein, die Figur von Marians Frau entscheidend verändert zu haben. Anna, von Martina Gedeck als Frau gespielt, deren Abscheu vor den Nazis immer stärker wird, ist in "Jud Süß" Halbjüdin. In Wirklichkeit war Marian mit einer Katholikin liiert, die allerdings in erster Ehe mit einem Juden verheiratet war und mit ihm zusammen ein Kind hatte. "Wir haben ihr die jüdischen Wurzeln jetzt direkt gegeben, weil Goebbels dadurch ein weiteres Machtmittel gegen Marian in der Hand hatte", betonte Autor Klaus Richter.

Auch Marians Tod wird bei Roehler als eindeutiger Selbstmord gezeigt. "Wir erzählen in einem Spielfilm Emotionen. Der Selbstmord ist die moralische Entscheidung eines Menschen, der sich diese Rolle des Jud Süß nie verziehen hat", sagte Roehler. Wichtiger als diese Details seien jedoch die überwiegende historische Präzision und innere Wahrhaftigkeit seines Films.

Obwohl Roehlers Film durchaus Wucht und schauspielerische Klasse besitzt, gehört er nicht zum Favoritenkreis für den Goldenen Bären, den die Jury unter Werner Herzog am Sonnabend vergibt. Dafür sind viele Szenen allzu plakativ. Ein Mann für die differenzierten Grautöne war Roehler noch nie. Aber die sind bei Festivals wie diesem immer besonders gefragt.