Buchkritik: "Das Geburtstagsgeschenk"

Sittenbild der Ära nach Margaret Thatcher

Foto: Diogenes

Unter dem Pseudonym Barbara Vine kommt die Autorin Ruth Rendell mit ihrem neuen Roman "Das Geburtstagsgeschenk" am 26. Januar nach Hamburg.

Hamburg. Sie sei nicht "besonders fantasievoll", gestand mir Ruth Rendell vor Jahren in einem Gespräch, im Gegenteil empfinde sie ihre Fantasie als "völlig unzulänglich".

Immerhin hat es inzwischen für mehr als 60 großartige Romane gereicht. Ruth Rendell, so ihr Freund und Kollege Julian Symons, das sind "drei feine Schriftstellerinnen in einer": Erstens die Autorin klassischer Detektivgeschichten um Inspector Wexford, zweitens die Verfasserin äußerst spannender Psychothriller und drittens, als jüngste von allen, Barbara Vine. Unter diesem Pseudonym, gebildet aus ihrem zweiten Taufnamen und dem Mädchennamen ihrer Urgroßmutter, schreibt sie seit 1986 im Gewand des Psychothrillers raffinierte Gesellschaftsromane.

Auch "Das Geburtstagsgeschenk" liest sich als Sittenbild und ausgefeiltes Soziogramm einer ganzen Epoche - der Nach-Thatcher-Ära Anfang der 1990er-Jahre. Ivor Tesham, ein Berufspolitiker und Karrierist, Prototyp des amoralischen Machtmenschen, will seine - verheiratete - Geliebte zum 28. Geburtstag mit einem pikanten Geschenk überraschen: einer von ihm inszenierten Entführung, gedacht als Vorspiel für ein Schäferstündchen der besonderen Art. Aber der Wagen, der sie zu ihm bringen soll, verunglückt, die Geliebte und einer von Teshams Helfershelfern kommen ums Leben. Teshams größte Sorge, zugleich die Triebfeder seines Handelns, wird fortan die Angst vor der Entdeckung sein. Und je höher er auf der Karriereleiter aufsteigt, desto weniger geht es ihm um Moral, um Recht oder Unrecht, sondern nur mehr um das Bild, das die Medien von ihm zeichnen.

Überhaupt, die Medien. Als Statthalter der Moral haben sie die Instanz der Gerichtsbarkeit abgelöst, zugleich aber, so scheint es, Ehre und Anstand selbst auf dem Gewissen.

"Es ist die Angst davor, ein Tugendbold zu sein, für einen Tugendbold gehalten zu werden, der viele von uns daran hindert, einen klaren moralischen Standpunkt zu vertreten", denkt der Icherzähler, Teshams Freund und Schwager, einmal. Dieser Robin Delgado, ein Steuerberater, ist tatsächlich ein herzerfrischend fantasieloser Typ - und das genaue Gegenteil des sexbesessenen, bindungslosen Tesham: nüchtern und ein wenig langweilig, ein treuer Ehemann und passionierter Familienvater. Umso genauer beobachtet er die herrschende Doppelmoral. "Ich behaupte ja, dass alle politischen Parteien ihre Skandale haben", lautet sein Resümee. "Beim linken Flügel, bei Labour oder den Liberalen, geht es meist um Betrügereien in der ein oder anderen Form, bei den Konservativen um Sex."

Ruth Rendell alias Barbara Vine muss es wissen. 1997 wurde sie auf Vorschlag von Tony Blair geadelt, seitdem sitzt sie als Working Peer für die Labour Party im House of Lords. Ist sie dort einem realen Vorbild für Ivor Tesham begegnet? Wir können sie demnächst persönlich fragen, denn kurz vor ihrem 80. Geburtstag im Februar macht sie ihren Hamburger Fans ein Geburtstagsgeschenk: Zur einzigen Lesung in Deutschland kommt sie am 26. Januar nach Hamburg.

Barbara Vine liest am 26.1., 20.30, in der Buchhandlung Heymann, Eppendorfer Landstr. 77. Eintritt 10,-, Karten unter T. 23 80 16 96

Regula Venske lebt als Krimiautorin, Essayistin und Publizistin in Hamburg. Zuletzt erschien von ihr der Kriminalroman "Der Bajazzo" (Suhrkamp-Verlag).