Musical

Gefangene des Systems

Das Thalia-Theater zeigt "Woyzeck" nach der Bearbeitung von Robert Wilson und Tom Waits

Theaterarbeiten von Robert Wilson und Tom Waits haben eine lange Tradition am Thalia-Theater. In der Ära Flimm waren der Regisseur und der Musiker mit "The Black Rider" für eine der erfolgreichsten Produktionen verantwortlich, insgesamt inszenierte Wilson in den 90er-Jahren viermal am Alstertor, zweimal schrieb Tom Waits die Musik, zweimal Lou Reed. Als die Rechte für Wilson/Waits' "Woyzeck"-Bearbeitung frei wurden, war es nicht verwunderlich, dass das Thalia ebenso wie das Deutsche Theater Berlin auf Stück und Songs aus der Kopenhagener Inszenierung aus dem Jahr 2000 zugriff.

"Man kauft das Stück wie eine komplette Partitur", sagt Jette Steckel. Die erst 27 Jahre alte Regisseurin wird das auf Georg Büchners dramatischem Fragment basierende Musical in Szene setzen. Dennoch wird sie nicht Wilsons Inszenierung umsetzen, sondern hat ein eigenes Konzept für ihre erste Arbeit auf der großen Bühne des Thalia-Theaters gefunden. "Das Drama des armen Menschen interessiert mich hier nicht vorrangig, sondern die visionäre, vorausahnende Kraft Woyzecks. Er besitzt eine andere Sensibilität als der Doktor oder der Hauptmann, die in ihren Systemen gefangen sind", erläutert sie dieses Konzept. Den Schlüssel der Interpretation sieht sie in der Sehnsucht der Titelfigur. "Büchners Reichtum in der kargen Sprache steht gegen den Reichtum und die Emotionalität der Musik von Tom Waits."

Der US-Musiker und Schauspieler hat die Songs aus "Woyzeck" bereits 2002 unter dem Titel "Blood Money" als CD veröffentlicht. Diesmal werden Felix Knopp in der Titelrolle, Maja Schöne als Marie und die anderen Ensemblemitglieder diese unter die Haut gehenden Lieder singen. "Man darf Waits und seine Art zu singen nicht nachahmen", sagt Jette Steckel. "Es geht auch nicht um die Schönheit in der Musik, jeder einzelne Spieler muss seine gesanglichen Fähigkeiten in seine Figur mit hineinnehmen." Jette Steckel will die Lieder aufbrechen: "Zum Beispiel darf 'Coney Island Baby' eine Hymne werden, andere Songs müssen eher ihre Fratze zeigen." Waits und Wilson haben mit diesen Neuinszenierungen nichts zu tun, doch mit Gerd Bessler ist ein Musiker beim "Woyzeck" dabei, der 1992 bei "Alice" unmittelbar mit Waits gearbeitet hat. Bessler hat die sechsköpfige Woyzeck-Band zusammengestellt, die Waits' Musik bei den Aufführungen live spielen wird. Jette Steckel hat diese Triumphe am Thalia nicht miterlebt, die Songs von Tom Waits kennt und liebt sie jedoch schon ewig. "Diese Musik verfolgt mich, seit ich auf der Welt bin."

Woyzeck Premiere Sa 23.1., 20.00, Thalia-Theater (U/S Jungfernstieg), Alstertor 1, Karten unter T. 32 81 44 44; www.thalia-theater.de