Fazil Say in der Laeiszhalle

"Ich weiß nicht, ob mein Beethoven türkisch klingt"

In Hamburg spielt Pianist Fazil Say am Freitag mit dem Bundesjugendorchester unter der Leitung von Peter Ruzicka.

Hamburg. Durch den überdimensionierten Torbogen des Hotels Steigenberger am Herrengrabenfleet jagt der Wind. Ein einsamer Gast steht vor den Glaswänden der Lobby und zieht an seiner Zigarette, als wäre es die letzte. Die schwarzen Haare fallen ihm ins Gesicht, er sieht verfroren aus in seiner Windjacke. Hineingehen will er aber nicht: "Da können wir uns nicht so gut unterhalten. Da spielt ein Pianist."

Das ist sehr höflich ausgedrückt. Pianist ist der Türke Fazil Say nämlich auch - und was für einer. Er hat mit dem New York Philharmonic Orchestra konzertiert und mit dem Israel Philharmonic Orchestra, er gastiert bei den großen Festivals von Luzern bis zum Beethovenfest Bonn. Say singt beim Spielen mit und krümmt sich über den Tasten, er kriecht förmlich ins Klavier, er scheint die Musik dort im Moment selbst zu finden. Letzten Februar brachte er mit dem Ensemble Resonanz in der Laeiszhalle sein junges, zu großen Teilen türkisches Publikum zum Kochen: Nach einem hinreißend kammermusikalisch gespielten Mozart-Klavierkonzert klingelte und rasselte er als Zugabe Mozarts Alla- turca-Marsch, ging mit seinem Stück "Black Earth" auf orientalische Reise und schloss eine entfesselte Jazzimprovisation an.

Am Freitag kommt Say mit dem Bundesjugendorchester unter Peter Ruzicka in den Großen Saal der Laeiszhalle und spielt, ganz bürgerlich, Beethovens Klavierkonzert Nr. 3 in c-Moll - aber wir wissen ja noch nicht, welche Zugabe er sich einfallen lässt. Auf dem Programm stehen außerdem Ruzickas Orchesterstück "Maelstrom" und das monumentale "Sacre du Printemps" von Igor Strawinsky. "Beethoven liebe ich zurzeit besonders", sagt Say, als wir uns schließlich in einem klavierlosen Café niedergelassen haben. "Das wechselt immer. Viele Jahre war es Bach und dann viele Jahre Mozart." So exzentrisch seine Bühnenausstrahlung, so in sich gekehrt wirkt Say im Gespräch. Er hebt kaum die Stimme beim Sprechen; manchmal macht er mitten im Satz lange Pausen, als wäre es ihm unerträglich, etwas Ungenaues oder Belangloses zu sagen. Das verleiht seinen Worten etwas Melancholisches und zugleich Letztgültiges. Über Politik redet er nicht.

Says näselnder Tonfall und manche Satzdreher verraten zwar den Orientalen, aber er spricht ein erstaunlich nuanciertes Deutsch. 1970 in Ankara in eine westlich orientierte Familie hineingeboren, ist er ein Wanderer zwischen den Welten. Schon sein Großvater und sein Vater, ein Musikwissenschaftler, kamen zum Studium nach Deutschland; Fazil wuchs mit europäischer Musik auf. In Ankara studierte er zunächst Klavier und Komposition. Dort entdeckten ihn David Levine und Aribert Reimann bei einem Meisterkurs. 1987 kam er mit einem Stipendium zu Levine an die Düsseldorfer Robert-Schumann-Hochschule; 1995 schloss er sein Studium an der damaligen Hochschule der Künste in Berlin ab. "Ich bin ein klassischer Musiker", sagt er. "Ich kann nicht sagen, ob man meiner Beethoven-Interpretation anhört, dass ich Türke bin. Aber die Türkei ist neu in der Klassikliga, deshalb habe ich einen Exotenstatus."

Als Pianisten mag ihn das befremden, als Komponisten ist es ihm selbstverständlich: "Meine Musik hat einfach türkische DNA." Das hört man deutlich, sogar bei seinen Werken für das Klavier mit seinen westlich festgelegten Halbtonabständen: Da präpariert er die Saiten, um die türkische Mikrotonalität nachzuahmen, oder er zupft die Saiten mit der Hand und erzeugt so Klänge, die im Kopf des Hörers archaische Bilder wachrufen.

"Die Welt ist größer geworden", sagt Say. "Ein Musiker muss heutzutage viel mehr kennen als das klassische Repertoire. Er muss sich mit Jazz auskennen, mit Elektronik und mit Weltmusik."

Im Mai präsentiert Say dem Hamburger Publikum seine verblüffende Bandbreite bei seinem eigenen Festival "Türkische Nächte". Dort wird auch seine Duopartnerin zu erleben sein, die moldawische Geigerin Patricia Kopatchinskaja. Sie spielt sein Violinkonzert "1001 Nights in the Harem", in dem er türkische und westliche Instrumente zusammenbringt. Kopatchinskaja fühlt sich Say besonders verbunden: "Moldawien ist auch ein Schwarzmeerland. Wir haben einen ähnlichen kulturellen Hintergrund, wir können uns sehr gut musikalisch verständigen."

Selbst wenn er mal am Stück in Istanbul ist, wo er heute lebt, komponiert er nicht nur, analysiert sein Repertoire oder spielt mit seiner neunjährigen Tochter und ihren Hunden und Katzen, sondern er kuratiert auch noch Festivals. Die Vermittlung der klassischen europäischen Musik in die Türkei ist ihm genauso wichtig wie die der türkischen Volksmusik nach Europa.

Nur eins tut er nicht: "Ich übe keine Klaviertechnik", sagt Say. Und dann verabschiedet er sich leise, höflich und recht unvermittelt und tritt hinaus in den Wind. Es ist dringend Zeit für die nächste Zigarette.

Bundesjugendorchester, Fazil Say (Klavier), Peter Ruzicka (Leitung) 8.1., 20 Uhr, Laeiszhalle, Großer Saal. Karten zu 6,- bis 41,- unter T. 35 76 66 66. Internet: www.elbphilharmonie.de/events.de