Restaurant

Erste Wahl ist die einzige Wahl

Das wiedereröffnete Lilienthal in der Neustadt gibt dem stark strapazierten Slogan "Tradition und Innovation" wieder einen Sinn - mit tollen Gerichten zu fairen Preisen

Der Romantiker sucht das Abenteuer, ständig träumt er und fantasiert und spricht zu den Sternen. Dem Nationaldichter Schiller missfielen solche Typen, er hat deshalb die Klassik erfunden, während er neben dem Kollegen Goethe in den Weimarer Wirtshäusern saß. 1795 verfasste Schiller dann eine Schrift mit der Absicht, die Menschen zur Schönheit zu erziehen, sein Ideal war ein Gleichgewicht zwischen Neigung und Pflicht: Genau das meinen Gastronomen, wenn sie von "Tradition und Innovation" reden - so wie die Betreiber des Lilienthal, das Restaurant hat im Oktober wiedereröffnet, und es lässt sich bereits sagen, dass alles noch besser geworden ist.

Das Alte und Bewährte schützen und weitertragen, aber auch immer mit Lust was Neues auszuprobieren, ohne das Publikum zu erschrecken: So war es früher im Lilienthal, so soll es bleiben. Keine Diskussion um die Grundprodukte, die erste Wahl ist die einzige Wahl. Wer hier auf den Teller guckt, weiß sofort, was der Koch gemacht hat, er will weder schwätzen noch aufschneiden. Drei Gänge beim Mittagstisch kosten 14,60 Euro, der Gast kann selbstverständlich auch Einzelgerichte wählen und gerne Sonderwünsche äußern. Beginnen wir mit der Pflicht - zum Grünkohl kommen Kochwurst und Petersilienkartoffeln, die Penne Bolognese hatten etwas zu wenig Salz (vielleicht lebt der Koch in Scheidung), die Königsberger Klopse mit Kapernsauce und Reis waren wie von der Oma aus Ostpreußen; abends probierten wir zuletzt eine Terrine vom Kalbstafelspitz mit Apfelkren und Kerbelschmand (8,60), Basilikumnudeln mit Riesengarnelen (11,50), die Gänsekeule mit Rotkohl, Kartoffelkloß und Butterschmelze (vorbildlich, 16 Euro) und für 18,90 das Rinderfilet mit grünen Bohnen und Serviettenknödel (drei Gänge 34,50 Euro, vier Gänge 39,50 Euro).

Die Neigung: Aus dem Ofen ein Taleggio im Strudelteig mit Traubenchutney (9,20), Pulpo-Pescaccio in Schalottenvinaigrette und Oliventapenade (10,80), Steinpilzrisotto und Trüffelschaum (12,50), Saltimbocca vom Steinbutt mit Blattspinat und Kartoffelpüree (mein Liebling für 19,60), Filet vom Thunfisch auf Ingwer-Spitzkohl mit Parmesanpolenta (21 Euro), Wildschweinrücken mit Rahmwirsing und Gnocchi (17,90) - und eine Süßspeisenfanatikerin berichtet, sie würde das Lebkuchenparfait mit Gewürzmandarinen auch im Hochsommer naschen, so eine Delikatesse sollte ständig Saison haben (7,10). Mir schmeckte stattdessen der Rohmilchkäse mit Kräuterbrot (11,60), der Aprikosensenf dazu wird jetzt bei mir daheim immer im Kühlschrank sein. Der Pfälzer Weißburgunder (5,90 das Glas) verlangte noch nach einem Roten, zu meiner Freude und Überraschung stand da der 2006er Serrata aus der Toskana, die Flasche (25,50) musste ich natürlich austrinken.

Die Räume im Lilienthal (besonders die Wände) sind sehr stylish, wie die Neodeutschen sagen, über das Wohlbefinden der Gäste aber entscheidet der Stil des Personals: Diese Serviceleute könnten mit ihrem Wesen sogar ein Durchschnittsessen zum Erlebnis aufwerten - im Lilienthal gibt es aber kein Durchschnittsessen, nie.

Lilienthal Mo-Fr ab 11.30, Kaiser-Wilhelm-Straße 71 (MetroBus 3, Schnellbus 35), T. 35 29 93; www.restaurant-lilienthal.com