Abendblatt-Bibliothek, Band 18

Gunter Gerlach: Ich lebe noch, es geht mir gut

| Lesedauer: 5 Minuten

Kai-Hinrich Renner über einen Roman, der in einem Brennpunkt-Quartier spielt, das sich vor Yuppies und Vertreibung des Milieus fürchtet.

Es ist wohl nicht übertrieben, Gunter Gerlach einen Heimatdichter zu nennen. Seine Werke tragen Titel wie "St. Pauli Weekend", "Der Hammer von Wandsbek", "Bergedorfer Therapie", "Irgendwo in Hamburg" und "Tod in Hamburg". Dem Schriftsteller liegt jedoch nichts ferner, als der Hansestadt und ihren Menschen Kränze zu flechten. Gerlach ist ein eher lakonischer Typ.

Möglicherweise liegt das am Genre, in dem er zu Hause ist: Der in Leipzig geborene ehemalige Werbetexter ist Krimiautor, allerdings kein konventioneller. Bei Gerlach geht es nie darum, irgendwelche Fälle zu klären und Täter dingfest zu machen. Hauptkommissare und anderes Polizeipersonal spielen in seinen Krimis keine Rolle. Es geht ihm mehr um die Schilderung eines ganz bestimmten Milieus. Seine Protagonisten geraten in unübersichtliche Situationen, die in einem Verbrechen kulminieren.

So ist es auch in Gerlachs 2001 erschienenem Krimi "Ich lebe noch, es geht mir gut". Dessen Held, der Schriftsteller Jakob Vogelwart, zieht aus einem Hamburger Vorort in ein belebtes städtisches Viertel. Er verliebt sich unglücklich in die Kellnerin Colli, die wie fast alle Figuren des Buches ein Doppelleben führt. Ist Collis Schwester Opfer einer Entführung geworden? Aus seinen neuen Nachbarn wird der an einer Schreibblockade leidende Schriftsteller einfach nicht schlau. Dabei ist Jakob Vogelwart selbst nicht der, der er zu sein vorgibt. Er bestreitet seinen Lebensunterhalt durch Einbrüche. Als dann ein Mord geschieht, überschlagen sich die Ereignisse.

Der Schauplatz des Geschehens scheint ein fiktiver zu sein. Es gibt in dem Buch keinen Straßennamen und keine Kneipen, die sich ohne Weiteres mit einem realen Vorbild identifizieren ließen. Doch der Eindruck trügt. "Es muss das Schanzenviertel in Hamburg sein", heißt es bereits im Klappentext der Erstausgabe.

Und genau das ist es auch: Als er 1999 mit der Arbeit an "Ich lebe noch, es geht mir gut" begann, zog Gerlach in die Schanze. Der Autor, der zuvor in Tonndorf lebte, tat das aber nicht nur, weil er Stoff für einen Krimi suchte: "Ich muss mitten im Leben sein", sagt er. "Ich muss Menschen auf der Straße sehen." Das Schanzenviertel schien ihm dafür die ideale Wahl. "Dort ist Hamburg wirklich Weltstadt", sagt er. "Sollte es eines Tages Orte wie die Rote Flora nicht mehr geben, wird Hamburg zur Provinz."

Dem Schanzenviertel ist Gerlach treu geblieben. Er ist mehrfach in dem Quartier umgezogen. Heute lebt er in einer Wohnung gegenüber vom U-Bahnhof Feldstraße. Als er aber vor zehn Jahren in die Schanze kam, bezog er eine Wohnung in der Thadenstraße. Sie war Vorbild für das Apartment, in dem sein Alter Ego Jakob Vogelwart in "Ich lebe noch, es geht mir gut" Quartier bezieht. Wie sein Romanheld studierte er seine neue Nachbarschaft vom Wohnzimmerfenster aus. Gegenüber sah er, wie die Romanfigur, die Räume einer Zahnarztpraxis.

So arbeitete Gerlach nach und nach sein neues Umfeld in den Krimi ein. Die Blumenhändlerin kommt in dem Werk ebenso vor wie der Motorradladen und der Autohändler um die Ecke. Zentrale Schauplätze des Romans sind das "Café Donald" und das "Café Nix", wo sich Jakob Vogelwart noch öfter aufhält als in seiner Wohnung. Auch sie haben reale Vorbilder im Schanzenviertel. Für das "Café Donald", in dem der räuberische Schriftsteller regelmäßig frühstückt, stand das Café Bedford im Schulterblatt Pate. Das "Café Donald", das Gerlachs Romanheld zu vorgerückter Stunde aufsucht, ist eine Mischung aus dem ebenfalls am Schulterblatt gelegenen Saal II und dem Café unter den Linden in der Juliusstraße.

Warum aber hat Gerlach alle direkten Bezüge zum Schanzenviertel getilgt? "Weil ich nicht will, dass es weiter aufgewertet wird", sagt er. Der Schriftsteller beklagt, dass durch den Wandel der Schanze zum hippen Quartier deren alteingesessene Bewohner immer mehr verdrängt werden. Ein Buch wie "Ich lebe noch, es geht mir gut" laufe Gefahr, diesem Trend Vorschub zu leisten. "So gesehen", sagt er, "bin ich Teil dessen, was ich bekämpfe."

Die Verfremdung des Viertels wird im Roman selbst thematisiert. Jakob Vogelwart bringt seine Erlebnisse zu Papier, um zu verstehen, was geschehen ist: "Am Anfang meiner Geschichte stimmten die Straßen- und Kneipennamen noch. Aber jetzt habe ich mit dem Befehl ,Suche und ersetze' alle ausgetauscht. Das Haus in dem ich wohnte, habe ich an eine andere Stelle gesetzt. Die Bewohner des Viertels taten mir leid. Wenn ich meinen Text lese, scheinen alle Verbrecher zu sein. Die meisten sind es nicht. Nur die Stadt ist geblieben. Hamburg."