Die erfolgreichste Serie der ARD feiert Jubiläum

750-mal "Tatort" - das Geheimnis eines deutschen Dauerbrenners

Woche für Woche sind rund neun Millionen Zuschauer dabei. Ein Erfolgsrezept, dem die Konkurrenz auch mit Pilcher und Bond nicht beikommt.

Fast hätte Hollywoodstar Bruce Willis die Sensation geschafft: Mehr als sieben Millionen Menschen schauten vor ein paar Wochen zu, wie er als Supercop John McClane in "Stirb langsam 4.0" gegen Internet-Terroristen kämpfte. Und gegen den "Tatort" im Ersten. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen, das der ARD-Krimi mit gut acht Millionen Zuschauern gewann. Auffallend knapp.

Der "Tatort" ist starke Konkurrenz gewohnt, der Sonntagabend ist die Champions League für Programmmacher.

Hier treffen die Fernsehkommissare aus Kiel, Münster, München, Hamburg, Berlin und Leipzig auf ProSieben-Blockbuster und ZDF-Wohlfühldramen, auf James Bond, Bully Herbig und Rosamunde Pilcher.

Prominentes Personal, das sich zum Teil im Kino bewährt hat, den "Tatort" aber 2009 nicht vom Quotenthron stoßen konnte, von einem Wiederholungstermin im Sommerloch abgesehen. Das viel beworbene, mit Sebastian Koch prominent besetzte "Seewolf"-Remake im ZDF fand nicht halb so viele Zuschauer wie der zeitgleich gesendete ARD-Krimi. Selbst einem teuren, mit dem Etikett "Event" versehenen Film wie "Der Vulkan" (RTL) blieb der Tagessieg am Sonntag verwehrt. Das Flaggschiff "Tatort" entert keiner.

"Tatort" ist - auch ohne die Vorsilbe "Event" - Ereignisfernsehen, Fernsehereignis, die sprichwörtliche Lagerfeuerrunde vor dem Bildschirm. Neun Millionen irren nicht. Das gilt wohl auch wieder kommenden Sonntag, wenn die 750. Folge der Reihe ausgestrahlt wird, die 1970 auf Sendung ging. Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu, der eine "Tatort"-Kolumne für "Die Zeit" schreibt, sagt: "'Tatort' ist Deutschland." - und was ein bisschen klingt wie ein Satz aus der Mutmacher-Kampagne "Du bist Deutschland", ist in Wahrheit unverzichtbarer Bestandteil des oft als "Heimatkrimi" bezeichneten Krimis. Die regionale Verortung gehört zum "Tatort" wie der Milchschaum zu Cappuchino, die Fälle entwickeln sich direkt aus dem Lebensgefühl, aus dem Bauch der jeweiligen Landschaft heraus. Aus dem Nebel über dem Bodensee, der Currywurstbude mit Blick auf den Kölner Dom, der Münchner Viktualienmarkt-Gemütlichkeit.

Um ein eigenes, unverwechselbares Profil zu entwickeln, braucht jede Folge nicht nur einen Kommissar mit einem Privatleben und Marotten, sondern auch topografische Genauigkeit und eine enge Verbundenheit mit der Stadt, in der sie spielt. Wer mit Menschen spricht, die dem Format eng verbunden sind - und über den "Tatort" wollen sie alle sprechen, ausnahmslos -, der versteht: Dass sich der ARD-Krimi in unbeständigen Fernsehzeiten wie diesen so selbstbewusst behauptet, hat viel zu tun mit Tradition und Ritual, mit Sendeplatz und Genre. Eines ist es nicht: Zufall.

Wie kein anderes Format produziert der "Tatort" Schlagzeilen und verändert Schauspielerkarrieren. Niemand weiß das so gut wie Maria Furtwängler. Seit 2002 ermittelt sie für den NDR in Niedersachsen, ihren ersten Fall sahen unglaubliche 10,22 Millionen Menschen - selbst für den Superlativ-verwöhnten Krimi ein Rekordhoch. "Total umgehauen" habe sie das, erzählt Furtwängler heute, sieben Jahre später: "Ich war überwältigt von dieser Dimension, wusste nicht, was es bedeutet, 'Tatort'-Kommissarin zu sein. Es war nicht absehbar, dass Filme auch ohne den Punkt der absoluten Höchstspannung beim Publikum so gut ankommen." Tatsächlich war der Fall nicht übermäßig aufregend, Furtwängler bislang vor allem aus rosaroten Filmen bekannt. Unter der Dachmarke "Tatort" jedoch fand die Kombination ein Millionenpublikum im zweistelligen Bereich. Und findet es mit fast jedem neuen Fall wieder.

Kein anderes Format, sagt Furtwängler, hätte sie so schnell so bekannt gemacht. "Die Marke 'Tatort' ist einfach so stark, dass man durch sie eine unglaubliche Plattform bekommt." Plötzlich spielt man in Hitlisten der beliebtesten Kommissare mit, bekommt Ehrennadeln örtlicher Polizeistellen verliehen und ist "nah dran an dem, was die Leute interessiert", sagt Furtwängler. Eine nationale Aufgabe sozusagen. "Ich bin selbst immer wieder überrascht, wie wichtig für die Leute diese Figur ist", sagt sie über Kommissarin Charlotte Lindholm. "Viel wichtiger manchmal als für mich selbst, etwa wenn ich andere Filme drehe." Rollenangebote bekommt sie mittlerweile zuhauf, dreht Großproduktionen wie das Vertreibungsdrama "Die Flucht" (über 13 Millionen Zuschauer). Aus der Marke "Tatort" ist auch eine Marke "Furtwängler hervorgegangen.

Der Tatort ist der "Ritterschlag im deutschen Fernsehen". Das findet Furtwängler, das sagt auch Gebhard Henke, Leiter Fernsehfilm, Kino und Serie beim "Westdeutschen Rundfunk". Wenn die "Tatort"-Folgen die Kronjuwelen des deutschen Fernsehens sind, ist Henke so etwas wie ihr Schatzmeister. ARD-Tatort-Koordinator heißt sein Job in öffentlich-rechtlicher Sprache. Er könnte stundenlang über die Erfolgsgeschichte der Reihe sprechen, die sich aus vielen Zahlen und Fakten, klug gesteuerter Emotion und einem Rest Geheimnis zusammensetzt.

Der "Tatort", sagt Henke, sei sich treu geblieben - und habe sich gleichzeitig beständig weiterentwickelt. In Kamerasprache, Erzählstruktur, Themenfindung. "Man braucht Kontinuität und Abwechslung, das ist wie in einer Ehe."

Die Abwechslung und Vielfalt der Reihe hängt auch mit der föderalen Struktur der ARD zusammen, sonst gern dafür bekannt, Entscheidungsprozesse bis ins Unendliche zu verschleppen. Jede Sendeanstalt liefert ihren eigenen "Tatort" zu; jede will herausstechen im internen Kräftemessen um den brisantesten Fall, den ungewöhnlichsten Ermittler und natürlich: die besten Schauspieler. Konkurrenz belebt den Geist - erst recht Konkurrenz in der eigenen Familie. Gleichzeitig eint alle Familienmitglieder ein Ziel: das einer starken Dachmarke. "Ich freue mich, wenn ein anderer 'Tatort' gut läuft", sagt Maria Furtwängler. "Was für die Marke gut ist, ist letztlich für uns alle gut." Und noch nie, sagt sie, habe sie das Gefühl gehabt, "dass ich nicht mehr sein darf als die Kommissarin." Keine Bürde, aber doch eine Rolle für die Ewigkeit. "Tatort"-Kommissare sind Untote des Fernsehens. Szenen, in denen Götz George als Horst Schimanski Türen eintritt und rohe Eier schluckt, ein Fall fürs kollektive Fernsehgedächtnis.

Der "Tatort" ist vielleicht die letzte Grande Dame des deutschen Fernsehens. Wäre die Krimireihe eine Frau, sie wäre Catherine Deneuve oder auch Jane Birkin. Irgendwie zeitlos, klassisch. Und doch mit der Zeit gegangen. Hechelt Trends nicht hinterher, sondern setzt sie. Gebhard Henke erzählt gerne das Beispiel vom Marsmenschen, der, wollte er verstehen, in was für ein Land er hineingepurzelt sei, sich den "Tatort" anschauen müsse. Und gibt es wieder einmal ein Jubiläum zu feiern, überschlagen sich all die ARD-Intendanten und -Sonntagsredner mit der Diagnose, die Reihe erzähle die Sozialgeschichte der Bundesrepublik. "Tagesschau", "Tatort", "Traumschiff" - so sieht seit Jahren die heilige Dreifaltigkeit der Öffentlich-Rechtlichen aus. Es sind Sendungen, die etwas erzählen über unserer Gesellschaft: über das, was passiert ("Tagesschau"), was passieren kann ("Tatort") und von dem wir uns wünschen, dass es passieren möge ("Traumschiff").

Es ist natürlich auch das Genre, das das Publikum fasziniert: Längst sehen wir Mord auf allen Kanälen, pro Woche haben wir die Wahl zwischen rund 50 Krimiserien, in denen Kommissare (gerne aus Schweden), Buchhändler oder Hunde Verbrechen aufklären - als hätten wir ein im Rundfunkvertrag verbrieftes Recht auf drei Leichen zum Dessert. Eine simple Theorie lautet, Krimigucken sei eine Art, mit der eigenen Angst klarzukommen. Weil am Ende immer die Gerechtigkeit siegt, wirkten die Sendungen "beruhigend in unsicheren Zeiten", schrieb der Kulturtheoretiker Siegfried Krakauer. Fest steht: Kriminalfilme sind Märchen für Erwachsene. Gut kämpft gegen Böse, am Ende besiegt Gut Böse. Meistens jedenfalls - und im Tatort tatsächlich immer.

Die Serie revolutioniert das Genre nicht mehr, ihr geht es darum, das Vorhersehbare immer wieder neu zu gestalten.

Der "Tatort" hat bewiesen, dass Unterhaltung im Krimi funktioniert und dass auf vielerlei Weise Platz ist für private Schicksale, Sozial- und Charakterstudien.

Im Zentrum aber standen und stehen immer spannend erzählte Fälle von A wie Abtreibung bis Z wie Zuwanderung, die den Zuschauern kollektives Täterraten erlauben. Und das Spiel "Mein Lieblingskommissar, dein Lieblingskommissar": Das ewig sich kabbelnde Komikerduo aus Münster, der deutschtürkische V-Mann Cenk Batu, der therapiebedürftige Brummbär Borowski mit der Schwäche für seine spröde Psychologin oder die dienstälteste Kommissarin Lena Odenthal, die den starken Ermittlerinnen den Weg bereitet hat. Das Fachpublikum verteilt seine Sympathie- und Antipathiepunkte quer über die Fernsehlandkarte - und schaltet Sonntag um Sonntag um 20.15 Uhr ein, um jeweilige Thesen zu verifizieren. "Gelernter Sendeplatz" heißt so etwas in der Theorie und bedeutet in der Praxis, dass viele Zuschauer zur Konkurrenz flüchten, wenn ein "Tatort" durch die kleine Schwester "Polizeiruf 110" ersetzt wird oder, schlimmer noch, durch eine Produktion wie "Der Baader Meinhof Komplex". Den Kinoerfolg wollten auf dem "Tatort"-Stammplatz im November nur 5,3 Millionen Menschen sehen, rund vier Millionen weniger als die Krimireihe für gewöhnlich anzieht. Montag ist ein Schmerztag, davor brauchen wir den "Tatort" mit dem bis heute unveränderten, leicht antiquierten Fadenkreuz-Vorspann - ein Jingle für mehr als eine Generation.

Und begegnet man Ivo Batic, Inga Lürsen oder Horst Schimanski an einem anderen Wochentag, in einer der zahlreichen Wiederholungen, ist das wie ein Wiedersehen mit einem alten Bekannten - mit dem man auch außerhalb der Regelzeit einen Kaffee trinkt. Etwa sechsmal werden die ARD-Krimifolgen wiederholt, ohne den "Tatort" bestünde das Programm aus vielen weißen Flecken. Und wäre um viele Zuschauerrekorde ärmer. "Etwas Wiederkehrendes hat eine Kraft, die man mit Einzelstücken nie erreichen wird - und sei es ein noch so toller Film", sagt Maria Furtwängler. "Das muss man akzeptieren." Was nicht heißt, dass die Konkurrenz es nicht immer wieder versucht. Im Januar löst Quotenqueen Veronica Ferres im ZDF "Das Geheimnis der Wale", während die Frankfurter Kommissare ihr "Tatort"-Revier verteidigen. Vielleicht gelingt Frau Ferres, woran Bruce Willis und James Bond gescheitert sind. Die Wahrscheinlichkeit ist nicht sehr hoch.