Komödie Winterhude: "Die Ratte"

Zickenalarm allererster Güte im Winterhuder Fährhaus

Foto: Oliver Fantitsch

Ein wunderbar böses und kluges Stück Boulevard - es kommt gerade richtig zur sippenseligen Weihnachtszeit.

Hamburg. Der Gott des Gemetzels, den Yasmina Reza in ihrer so bösen wie intelligenten Boulevardkomödie gleichen Namens beschworen hat, herrscht nun auch in Winterhude: "Die Ratte" von Justine del Corte (im vergangenen Jahr in Zürich uraufgeführt von ihrem Ehemann Roland Schimmelpfennig) ist ein ähnlich kerniger Schlagabtausch zwischen zwei Paaren, ein Fest der Neurosen, genährt noch durch den Umstand, dass die beiden Frauen Schwestern sind. "Die eine ist wahnsinnig, die andere ist verrückt", sie sind sich in inniger Feindschaft verbunden.

Regisseur Harald Weiler macht daraus in der kleinen, feinen Kontraste-Reihe am Winterhuder Fährhaus einen Zickenalarm allererster Güte: Die hochschwangere und entsprechend überdrehte Isabell (Theresa Berlage) besucht mit ihrem Schriftsteller-Mann Richard (sehr lustig: Markus Frank als Roland-Schimmelpfennig-Wiedergänger) ihre Schwester Maria in New York.

Die wird von Meike Harten brillant verkniffen gespielt, ihr Mann Nick (Herbert Schöberl) ist neben ihr die fleischgewordene Schweizer Neutralität. Mit ihrer weißen Kulisse voller Türen und Schubladen signalisiert und parodiert Bühnenbildnerin Heidrun Schüler das Genre gleichermaßen: Wo Türen klappen, da ist auch der gehobene Boulevard zu Hause.

Befeuert wird das Ganze durch die nervtötenden Anrufe der daheimgebliebenen Mutter, Isabells offensive Fruchtbarkeit, die emotionale Hilflosigkeit der beiden Männer und die angespannte Verkrampftheit der Gastgeberin (deren offenbar ähnlich verkorkste Haustiere mit den bezeichnenden Namen Ödipus, Iokaste, Ismene und Antigone in einer Bratwachtel-Bestattung enden). Schnell wird deutlich: Die Titel-Ratte ist hier keineswegs die schlimmste Plage. Die Schwestern und ihre zunehmend überforderten Gatten neiden und sticheln, lästern und lügen, verletzen und kotzen sich aus - in jeder Hinsicht.

Es ist ein göttliches (Wort-)Gemetzel mit reichlich Lust an der Hysterie, das sich die beiden Paare in wechselnden Allianzen und ergänzt um einen knackigen Kammerjäger (Harun Yildirim) hier liefern. Fabelhaft besetzt, flott und (selbst-)ironisch präsentiert. Ein Ausflug auf diesen bösen Boulevard ist eigentlich ein Muss zur sippenseligen Weihnacht.

Die Ratte 20., 21. und 25.-27.11., 19.30 Uhr, Kleiner Saal in der Komödie Winterhuder Fährhaus, 18, erm. 13,50 Euro

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