Thalia-Theater: "Die Marx-Saga"

Der Bart ist ab, die Idee gescheitert

Zwei Stunden Politrevue mit ein wenig Gesang, die nicht immer fesselnd ist, und den Begründer des Marxismus aber doch ein bisschen näherbringt.

Hamburg. War Karl Marx ein Macho, der Frau und Töchter für sich schuften ließ und der nebenbei auch noch die Haushälterin schwängerte? Oder war er ein liebender Familienvater und grandioser Theoretiker, der mit praktischen Alltagsverrichtungen nicht zurechtkam? Taugen seine Ideen, die die Menschen aus der Unterdrückung zur Freiheit führen wollen, dazu, Politik zu gestalten? Solche und ähnliche Fragen stellt der spanische Autor Juan Goytisolo in seinem Roman "Die Marx-Saga", den die Regisseurin Christine Pohle jetzt auf die Bühne des Thalia-Theaters gebracht hat. Herausgekommen ist eine eher karg ausgestattete Politrevue mit ein wenig Gesang, die Zeit-sprünge macht, Fakten und Fiktion mischt, die mal das Alltagsleben bei Marxens zu Hause vorstellt, mal den Diskurs über seine Ideen, und die auch mal den Autor selbst kritisiert, indem sie seinen Verleger mit den Worten "Das interessiert doch keinen Menschen" auftreten lässt. Ein Handlungsfaden fehlt, stattdessen gibt es Ausschnitte, Bilder, Assoziationen, zu denen neben der Familie Marx auch deren Haushälterin, Marxens unehelicher Sohn, Freund Engels sowie der Autor des Stückes, sein Verleger, der Moderator einer politischen Talkshow und ein Turbokapitalist gehören, der nach "Geellldd" schreit. Ein Potpourri also, das uns Marx ein bisschen näherbringt.

Am Ende waren's zwei Stunden, die die Zuschauer zwar nicht pausenlos fesselnd in Bann schlugen, die aber kurzweiliger verliefen, als es der matte Anfang vermuten ließ. Auftritt Marx, mit Rasierschaum. Der Bart ist ab. Marx kann nicht glauben, dass seine Ideen gut 100 Jahre nach ihm, derart abgewirtschaftet haben und die Menschen sich nur noch nach Kapitalismus und Konsum sehnen. Seine Frau Jenny assistiert ihm beifällig, als handele es sich beim Marxismus um ein Computerprogramm: "Jemand muss ein Virus in dein System eingeschleust haben. Dein Lebenswerk stürzt ab." Man tauscht Gedanken aus. Rikschas, in denen Paare mit Einkaufstüten sitzen, werden von Menschen über die Bühne gezogen. Inmitten der Familie Marx wandert der Autor herum und überlegt, wie er seinen ultimativen Marx-Roman schreiben soll, als Biografie, als Geistesgeschichte, als Doku-Drama oder als Fiktion. Von allem wird's schließlich etwas.

Josef Ostendorf ist ein jovialer, liebenswert gutmütiger Marx, kein Haustyrann mit widersprüchlichem Privatleben. Eine später im Stück auftretende, moderne Feministin beschimpft ihn, er habe Frau, Töchter und Geliebte nur ausgenutzt, statt sich auch für die Freiheit der Frauen einzusetzen. Jenny Marx ist bei Thormeyer das sich brav aufopfernde Ehefrauchen. Die drei Töchter (Lisa Hagmeister, Franziska Hartmann, Nadja Schönfeldt) bleiben blass.

Farbe kommt erst ins Spiel mit Bruno Cathomas, der den gierigen Kapitalisten, Waffenhändler und einzig auf seinen Gewinn fixierten Machtmenschen als bissigen, geilen und verrückten Getriebenen darstellt. Selbst das Publikum bettelt er um Geld an. Später stellt er Marx als "Hart aber fair"-Moderator Zuschauerfragen, um ihn in die Enge zu treiben. "Stimmt es, dass Sie noch nie in einer Fabrik waren?" "Stimmt es, dass Sie Ihre Haushälterin geschwängert und das Kind Ihrem Freund Engels untergeschoben haben?" "Ist die Idee des Sozialismus mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion endgültig gescheitert?" Marx kommt nie zu Wort, um das zu beantworten.

Cathomas taucht auch noch als Verleger auf, der den Autor animiert, aus Marx und seiner Familie eine internationale TV-Produktion zu machen: "Das ist doch ein toller Stoff. Der wechselte selten die Wäsche und lebte in ständiger finanzieller Not, in einer Bleibe ohne fließend Wasser."

Zum Ende hagelt's dann noch ein bisschen Systemkritik mit dem Tenor "Ach, was sind wir alle oberflächlich und gleichgültig". Da heißt es dann, dass die Öffentlichkeit sich lieber über "die prallen Brüste einer Geliebten erregt als über zig Millionen Arbeitslose". Mag sein. Aber geht es nicht auch beim Theater um ähnliche Widersprüche? Immerhin, das eher theorielastige Experiment der "Marx-Saga" funktioniert auch ohne nackte Tatsachen ganz gut.