Der Seewolf

"Ich will Dinge machen, die riskant sind"

Am Sonntag startet im ZDF die zweiteilige Jack-London-Verfilmung. Sebastian Koch spielt die Titelrolle des unberechenbaren Kapitäns.

Hamburg. Herausragende Schauspieler können sich anschalten wie ein Licht, das in beliebiger Intensität von innen heraus strahlt. Wenn sie das nicht wollen oder nicht müssen, sind sie kaum sichtbar und verschwinden in ihrer Umgebung. Werden normal, fallen still und heimlich aus ihrer Rolle. Dann sind sie fast wie wir, die wir in unserer einzigen Rolle verhaftet sind.

Die erste Begegnung mit dem wirklich guten Schauspieler Sebastian Koch ist ein ernüchternd unspektakulärer Moment. Er kommt in die Hotel-Lounge geschlendert, in der das viel zu kurze Gespräch über seine Rolle im ZDF-"Seewolf" stattfindet, sucht den ersten Blickkontakt, wirkt neugierig und interessiert. Vor allem aber wirkt Koch sehr dezent, fast schüchtern. Wie jemand, der sich nicht in den Vordergrund drängen will, weil er längst weiß, dass er das spielend könnte.

Doch Koch, man glaubt es kaum, ist leicht nervös. Nachher geht es ins Fernsehen. Aber vor eine live aufzeichnende Kamera, nicht vor eine, die Film für den späteren Genuss produziert. Koch ist Gast bei Amelie Fried und Ijoma Mangold, in der ZDF-Sendung "Vorleser" soll und will er von der Hörbuch-Version des "Seewolf" erzählen, die er gerade aufgenommen hat.

Damit auch das jetzt schon mal erledigt wäre: Ja, eine Kartoffel muss bei diesem Stoff natürlich dran glauben. Eine deutsche "Seewolf"-Verfilmung ohne einen handpürierten Raimund-Harmstorf-Gedächtnis-Erdapfel? Undenkbar, unsendbar. Doch für Sebastian Koch gibt es wirklich Fundamentaleres als diese eine Szene, auf die sie alle warten werden, wenn das ZDF am 1. und 4. November (jeweils 20.15 Uhr) seine Jack-London-Verfilmung als "Event-Zweiteiler" auf den Quotenmarkt wirft. Wie die Kartoffel dran glauben wird, soll hier nicht verraten werden. Nur so viel: Koch hatte seine Finger mit im Spiel bei der Idee dafür. "Ich wollte das nicht eins zu eins wiederholen und war wirklich fieberhaft dran, das zu lösen - weil ich's eben nicht nur nachmachen wollte. Es musste einen Witz haben." Den hat es nun auch.

Aber, wie gesagt, es gibt Wichtigeres im Lebenslauf des drahtigen 47-Jährigen, der mit leichtem Restschwäbisch-Tonfall in der leisen, freundlichen Stimme Auskunft über dieses Projekt gibt, das seiner Legenden-Sammlung eine weitere hinzufügen wird.

Koch war Stauffenberg, der sich im Widerstand gegen die Nazis engagierte, Koch war aber auch Hitlers Baumeister Albert Speer. Koch war der entführte Millionär Richard Oetker, der Extrem-Literat Klaus Mann und der RAF-Terrorist Andreas Baader. Er war außerdem im Kinderfilm "Rennschwein Rudi Rüssel 2" mit dabei. Ab November steht Koch wieder vor der Kamera. Auf der Isle of Man wird eine Komödie namens "Albatross" gedreht, mit dabei ist auch Julia Ormond.

Wenn man hierzulande fragt, wer einem als Erstes zum Film "Das Leben der Anderen" einfällt, werden sehr schnell drei Namen genannt: Oscar (die Auszeichnung), Florian Henckel von Donnersmarck (der Regisseur), Ulrich Mühe (der eine Hauptdarsteller).

Koch war der andere. Der bespitzelte DDR-Autor, um dessen Leben es ursprünglich ging. Der Mann, der mit Martina Gedeck ein atemberaubend intensives Paar darstellte, wie es seit Jahrzehnten nur wenige im deutschen Kino gab. Im Ausland, meint Koch, sei das nicht so, dass er eher unter "ferner spielten" registriert werde, wie es ihm in seiner Heimat mit diesem Film erging. Und in England und den USA würden sich alle wundern, wieso die Deutschen bei ihren "Seewolf"-Verfilmungen ein derartiges Gewese um eine stinknormale Kartoffel machen.

Beim "Seewolf" geht es für Koch ums Ganze, wieder einmal. Darunter macht er's auch in dieser Rolle nicht. Von Jack London stammt der passende Satz zu dieser konsequenten Haltung: "Der Mensch ist gemacht, damit er lebt, nicht, damit er existiert." So spielt Koch seinen gottverlassenen Anti-Helden auch. Schonungslos und brutal, ohne Sicherheits-Netz. "Ich will Dinge machen, die riskant sind. Ohne Risiko entsteht doch keine Kunst. Wenn man schon weiß, wie Dinge gehen, dann sind sie uninteressant." Auch dabei bleibt Koch dezent und freundlich im Tonfall, so verbindlich, als würde hier nur über das Wetter geplaudert und nicht über eine Figur, die nur dadurch in ihren Bann zu ziehen hat, dass sie so archaisch und unberechenbar ist, wie sie ist.

"Die Geschichte ist viel philosophischer, sie hat eine ganz andere Kraft als damals dieses Jugendabenteuerromanhafte", findet Koch, immer noch begeistert. Damals, 1971, brannte sich der Harmsdorf-"Seewolf" ja auch deswegen so tief ins Kollektivgedächtnis von Fernseh-Deutschland ein, weil die Drehbuch-Autoren den vielen jungen Zuschauern eine Geschichte erzählten, die toll war, die Jack London so aber nie geschrieben hatte. In dieser Version waren das Raubein Wolf Larsen und der Schöngeist Humphrey van Weyden als Kinder miteinander befreundet.

"Unsere Interpretation ist wesentlich näher an der Vorlage und ist mit der Version von damals gar nicht zu vergleichen. Der ,Seewolf' hat eine unglaubliche Dichte und eine ganz große Qualität. Dieser Roman ist unterschätzt, der liegt in der falschen Ecke", findet Koch. "Das ist fast ein faustischer Stoff, mit Wolfs Bruder Death Larsen, der als Bruder Tod eine fantastisch komponierte Metapher ist. Das ist Weltliteratur." Spätestens jetzt kommt der Begriff Moral mit ins Spiel. Wolf Larsen, der skrupellose Matrosenschinder, das Alpha-Tier, hat jedenfalls keine. "Solche Wolf Larsens sind wichtig, um Finger in die Wunden zu legen und zu fragen: Was macht ihr denn mit eurer scheinbaren Moral, mit der scheinbaren Nächstenliebe? Wie weit hält denn euer System? Und dann merkt man, dass es ganz wackelig ist, dass darunter genau die gleichen Sauereien ablaufen wie auf Larsens Schiff, ohne die Lüge der Moral davor." Koch ist bei seinem Thema angekommen: "Dafür ist der Roman da - dass man Antworten sucht. Wo bin ich? Wie stark mische ich mich ein? Eine Antwort wird man nicht finden, aber Larsen zwingt einen, sich solche Fragen zu stellen."

Bei aller faszinierenden Niedertracht hat Larsen auch Seiten, die nicht nur den Haupt-Darsteller, sondern auch den Menschen Sebastian Koch zum Nachdenken über sich selbst brachten. "Was mir an dieser Figur gefällt? Der ist wie ein Straßenköter, der hat immer nur kämpfen gelernt. Das findet der ...", und hier kommt eine interessante Denkpause "... gut ... der will seine Macht nicht aussitzen, der will es jeden Morgen wissen, nach dem Motto: Wenn du besser bist, dann komm, zeig mir das." Ist das weit weg von ihm, der Privatperson, dem in Berlin lebenden Vater einer Tochter, den es nur selten in die Öffentlichkeit seiner eitlen Gesichter-Vermarktungs-Branche drängt? "Das ist weit von mir weg."

Aus seiner Schauspieler-Haut kann er dennoch nicht so ganz: Koch ist nun mal der Mann fürs Große. Ein Markenzeichen-Gesicht. Ein Versprechen für großes Kino, das auch im Mattscheiben-Format funktionieren und seine Sogwirkung haben soll. Erst vor einem Jahr hatte ProSieben versucht, dem ZDF mit einem eigenen TV-"Seewolf" den Wind aus den Segeln zu nehmen. Damals wurde Thomas Kretschmann auf die Planken geschickt, die für Wolf Larsen die Welt bedeuteten. Die Quoten liefen auf Grund. Kein Grund für Koch, sich davon irritieren zu lassen. "Es geht nicht um Konkurrenz. Ich fühl mich auch gar nicht im Schatten von jemandem, erst recht nicht von Harmstorf, das ist Jahrzehnte her. Wir wollten eher etwas richtigstellen." Mit dabei sind diesmal unter anderem Kino-Größen wie Tim Roth ("Pulp Fiction", "Reservoir Dogs", "Funny Games U.S.") und Neve Campbell ("Wild Things", "Scream").

Die Muskelpakete, die sich Koch unter der Knute eines Personal Trainers aus der Schweiz erarbeiten musste, um die Rolle des "Ghost"-Kapitäns auch wirklich auszufüllen, sind inzwischen Geschichte. Koch ist physisch wieder der Alte, ein viel beschäftigter, viel gefragter Schauspiel-Star, der auch davon träumt, wieder öfter zum Gitarrespielen zu kommen. Sagt er zumindest auf der Fahrt in Richtung Speicherstadt. Für den Fotografen, der dort wartet, knipst Koch sich wieder an. Probiert Gesten und Posen aus, fragt, wie willst du mich? Er wittert die Kamera, spielt mir ihr. Spielt für sie. Die Lesebrille, die er als Requisite zückt, lässt ihn zu studienrätig aussehen. Sie wandert zurück in die Tasche.

In seiner Jugend hatte Koch mit einer Musiker-Karriere geliebäugelt. Es kam anders. Statt verträumten Folk-Jazz à la Kolbe/Illenberger zu spielen, mit dem vor Jahrzehnten unzählige Studenten-WGs beklampft wurden, hing er für seine aktuelle große Rolle hoch über dem Schiffsdeck eines Zweimastschoners vor der Küste von Nova Scotia und fragte sich, wie er da wieder herunterkommt. "Es ist schon ein toller Beruf, wenn man das ernst nimmt und in diese extremen Situationen gerät", hatte er im Hotel-Sessel von diesem dreimonatigen Dreh geschwärmt, "man kann sich sehr weit in eine andere Welt begeben, die man sonst nicht so erfahren könnte und dürfte. Das ist ein todernstes Spiel. Das ist schön." In dieser "Seewolf"-Welt, hoch oben in den Wanten, durfte es deswegen auch kein privates Schwächeln geben. Seekrankheit? Das war da nicht drin. "Ein Wolf Larsen kotzt nicht. Das wär ja peinlich."

Der Seewolf Teil 1 am Sonntag, 1. November, Teil 2 am Mittwoch, 4. November jeweils 20.15 Uhr im ZDF. Hörbuch: "Sebastian Koch liest ,Der Seewolf'" (4 CDs, Random House). Die DVD-Version vom "Seewolf" + (2 DVDs) erscheint am 5. November.