Ikone des US-Journalismus

Seymour Hersh: "Die Mächtigen sollen wissen, dass sie kontrolliert werden"

Connecticut Avenue, Washington D.C.: Hier, im Regierungsviertel der US-amerikanischen Hauptstadt, hat der alerte und groß gewachsene Journalist ein winziges Büro. Seymour Hersh gilt als Ikone des US-Journalismus. Einen "globalen Polizeireporter" nannte ihn die "New York Times".

Washington. Im Fernsehen bei CNN und CBS ist er Stammgast, wenn es in der US-amerikanischen Politik wieder einmal brennt. Seine Kritiker gehen weniger freundlich mit ihm um. Ex-Präsident George W. Bush bezeichnete ihn als Lügner. "Ich liebe meine Land", hält der 72-jährige Journalist dagegen.

Und seine Berichte und Recherchen haben Gewicht: 2004 deckte Hersh die Folterungen im US-Militärgefängnis von Abu Ghraib auf ("Das war keine Ausnahme, sondern die traurige Realität des Krieges"). Er enttarnte gefälschte Dokumente, die die Existenz von Saddams Massenvernichtungswaffen belegen sollten. Er beschrieb, wie die CIA 1973 in den Putsch gegen Allende in Chile verwickelt war und wie US-Außenminister Henry Kissinger Flächenbombardements gegen Zivilisten in Kambodscha befohlen hatte. Hersh wies die verdeckte US-Unterstützung von Atomprogrammen für Israel und Pakistan nach, die Manipulationen und Desinformationen von US-Geheimdiensten vor und während der Irak-Kriege. Geschichten, von denen Reporter ihr Leben lang träumen.

An diesem Morgen sitzt er am Schreibtisch. Alle paar Minuten klingelt das Telefon. Anrufer, die ihre Nummer nicht zu erkennen geben, werden automatisch abgewiesen. Hersh redet schnell und engagiert. Zwei-, drei-, viermal bricht er einen Satz ab und beginnt von Neuem, um die passende Formulierung ringend.

Hershs Arbeitszimmer besteht aus einem Computertisch samt Rechner, Fax, Telefon und einem altersschwachen Schreibtisch. Darauf stapelt sich ein Berg aus Notizblocks, Büchern, herausgerissenen Zeitungsartikeln und Manuskriptseiten. Das ganze gleicht eher einer Abstellkammer als einem Recherchezentrum. In diesem Loch sollen Geschichten entstanden sein, die US-Präsidenten und Regierungen ins Stolpern brachten?

Er könnte von der Redaktion ein modern eingerichtetes Büro bekommen, aber dann wäre es mit seiner Unabhängigkeit vorbei. An den Wänden hängen die zahllosen Auszeichnungen, die er in seiner 40-jährigen Journalistenlaufbahn erhalten hat. Darunter die Urkunde des renommierten Pulitzer Prize 1970 für seine Recherchen über das Massaker in My Lai.

Seymour Myron Hersh wird 1932 in Chicago geboren. Zum Journalismus kommt er durch Zufall, nicht aus innerer Berufung. Für 35 Dollar die Woche arbeitet Hersh als Polizei- und Gerichtsreporter in seiner Heimatstadt. Schnell zeigen sich drei Eigenschaften, die ihn bis heute auszeichnen: sein Talent, Informanten zu gewinnen, sein Problem mit Hierarchien und seine Manie zu lesen. "Meine Theorie ist: Wer nicht liest, der kann auch nicht schreiben." 1966 befördert ihn die Nachrichtenagentur Associated Press zum Pentagon-Korrespondenten. Aber schon bald überwirft sich Hersh mit seinen Vorgesetzen und schlägt sich von dortan als freier Journalist durch.

Seitdem begleitet er die Schattenseiten der US-amerikanischen Politik: Watergate, Pinochet, Nicaragua, Golfkrieg, Afghanistan und Iran. Aber auch den Abschuss von Flug KAL 007 durch die Sowjets 1983 hat Hersh untersucht. Und er hat John F. Kennedy als notorischen Fremdgeher mit Mafiaverbindungen beschrieben. Hersh könnte sich zur Ruhe setzen oder an der Universität Vorlesungen über investigativen Journalismus geben. Stattdessen arbeitet er weiter ("Mir macht das Spaß. Als Journalist kann man Dinge verändern!"), sitzt in seinem Büro und schickt unentwegt E-Mails los. Warum er mit 72 noch immer unverdrossen recherchiert? "Die Mächtigen sollen wissen, dass sie kontrolliert werden." Und wirft noch hinterher, was die Antriebsfeder für sein rastloses Leben ist: "Ich hasse Lügen. Viele Amerikaner sagen: Die da oben lügen! Ich kann das nicht akzeptieren. Es muss die gleichen moralischen Standards im Großen wie im Kleinen geben."

Während Kollegen zu den offiziellen Pressekonferenzen des Pentagons gehen, trifft sich Hersh mit Insidern. Ein großer Teil seiner Arbeit spielt sich außerhalb regulärer Bürostunden ab, bei Informanten zu Hause, in Hotels oder in entlegenen Städten. Weit weg von Washington, "auf neutralem Boden", so Hersh. Bis heute ist er ein Einzelgänger, der allen misstraut: "Ich mag es nicht, wenn mich Leute aus dem Regierungsapparat oder vom Geheimdienst anrufen, um mir scheinbar Neuigkeiten zu stecken. Die können mich hereinlegen."

Man merkt ihm an, dass dies keine falsche Eitelkeit ist.

Mit den Mächtigen hat er sich nie arrangiert. Hersh ist kein "embedded journalist", im M1-Kampfpanzer oder im Regierungsflugzeug eingebettet, keiner, der am Katzentisch der Politiker und Militärs sitzt. An der Bürowand über seinem Computer hängt eine Kinderkarikatur. Hersh mit Segelohren. Dabei scheint Ironie nicht sein hervorstechendster Charakterzug zu sein. Eher Beharrungsvermögen und ein Schuss Zynismus. Am Schluss verrät er noch, dass kürzlich ein CBS-Redakteur bei ihm angerufen hat. Der wollte ihn auf ein Treffen mit Informanten begleiten. Der sei verrückt gewesen und hätte keine Ahnung von dem, was er tue, sagt Hersh. Er hat den Telefonhörer sofort aufgelegt.