arte: Das Magazin "Tracks" widmet sich St. Pauli

Maskerade mit Bärten, Bambi und viel Boom Boom

Die Hamburger Elektro-Kult-Combo Caracho drehte für die Musiksendung "Tracks" des TV-Senders arte auf der Elb-Barkasse "Frau Hedi".

Hamburg. "Isch dasch ä Junggeselle-Abschied?", fragen zwei Touristen aus dem Schwarzwald irritiert. Nein. Doch die Frage ist berechtigt angesichts der illustren Gesellschaft, die sich da an den Landungsbrücken 10 versammelt. Hauptmerkmal: Schnauzer. Dick, schwarz, angeklebt. Aus Fell und Pappe. Auch bei den Frauen. Selbst ein Vollbärtiger hat sich noch einen Schnurri angepappt.

Großes Vorbild für die Maskerade ist das Hamburger Elektro-Krawall-Trio Caracho. Sven Lauer (Gesang), Ivo Vossen (Gitarre, Bass), Omo Bewarder (DJ) und ihr Live-Drummer Henning Brandt haben das Schräge zum Markenzeichen erhoben: platinblonde Langhaar-Perücken, Anzug ohne Ober-, aber mit Unterhemd und eben jene überdimensionierte Oberlippenzierde.

Die Combo hat ihre Fans zum Konzert auf die Barkasse "Hedi" geladen, um mit dem Sender Arte für das Magazin "Tracks" zu drehen. Der Hamburger Nuschelsänger Jan Delay führt durch die Sendung, die St. Pauli gewidmet ist - von der Musikgeschichte des Viertels bis zu dessen Wandel, von Prostitution bis Fußball. Und Caracho live auf der Elbe ist so etwas wie der hanseatische Siedepunkt des Programms.

Spätestens seit ihrer lokalpatriotischen Trash-Hymne "In Hamburg sagt man Ja Ja!" hat das Trio in seiner Heimat einen gewissen Kultstatus erlangt. Und seit sich die drei mit den Briten Right Said Fred ("I'm too sexy for your shirt") in einem Videoclip eine Schlammschlacht lieferten, dürfte auch die internationale Disco-Gemeinde mit Hang zum schlechten Geschmack hellhörig geworden sein. Das Andrücken des Schnurrbarts mit Daumen und Zeigefinger jedenfalls ist die meistgesehene, aber gewiss nicht die impulsivste Geste des Abends.

relatedlinks "Unsere stilistischen Vorbilder sind Kojak und Peter Sellers", erläutert Vossen. Auf ihrer Debüt-Platte "Lass uns Bambi spielen!" erschaffen sie ihr eigenes Land: Carachien. "Dort ist es sehr laut. Den ganzen Tag gibt es Schwarzwälder Kirschtorte", berichtet Brandt. "Und selbst die Babys werden mit Schnurrbart geboren", ergänzt Vossen - um dann noch hinterherzuschieben: "Wir sind gut bürgerlich!" Zwar lässt sich Caracho mit ihrer Persiflage aufs Spießige nicht gerade zum Kunstprojekt überhöhen. Aber ihre überdrehten Aktionen sind durchaus einfallsreich. Ein halbes Dutzend Schnauzer und diverse Unterhemden gehen durchschnittlich drauf bei einem Konzert. Und all jenen, denen die Show zu kalauerig ist, entgegnet Brandt: "Lieber polarisieren als einfach nur nett sein." Dabei will Caracho doch nur spielen.

Im Bug der Barkasse, wohin sich die Band zurückgezogen hat, erscheint das carachische Tierleben, das aus genau zwei Arten besteht: einer als rekelnde Latexkatze verkleideten Frau und Bambi - einem Typen im Ganzkörperanzug mit Socken als Pfoten.

Ob Caracho nun mit "Schwing dein Ding" eine Ode für den Golfsport gibt oder mit "Agathe Bauer" eine eingedeutschte Version des Dance-Klassikers "I got the power" hinlegt - stets erschallt ein Mix aus Techno, Metal und Karnevalsschlager. Inklusive sinnfreier Slogans wie "Herzensbrecher Boom Boom", die die Fans beherzt mitsingen. Und gedreht wird auch noch. "Arte, ich will ein Kind von dir!", ruft ein Mädchen.

Die Katze duscht derweil die Menge mit Bier. Die Caracho-Herren haben mittlerweile die Unterhemden zerrissen, die Perücken sind längst vom Kopf geflogen, während der Hafen samt Elbphilharmonie-Baustelle langsam vorbeizieht.

Tracks: Arte, 16.10., 0.15 Uhr; live: 31.10., 23 Uhr, Grünspan, Halloween Extravaganza feat. Caracho, 8 Euro