Juli Zeh: Die Vision einer Gesundheitsdiktatur

Wer nicht spurt, wird aussortiert

Die Autorin bringt ihr Buch "Corpus delicti" als "Schallnovelle" mit der Band Slut in das Grünspan.

Hamburg. "Das ist krass", sagt Juli Zeh. "Als die Schweinegrippe hochkam, habe ich mich auf eine ganz perfide Art und Weise gefreut, weil ich gedacht habe: Das ist ein Super-Beispiel, um den Leuten zu erklären, was das Problem ist." Das Problem ist für die streitbare Schriftstellerin "ein Menschenbild, das Zusammensein als Bedrohung betrachtet" - und dabei meint die 1974 geborene Juristin nicht nur den Hygiene-Hype, nicht nur die Angst vor jenen, die sich die Hände gerade mal nicht mit Sagrotan desinfiziert haben.

In ihrem aktuellen Roman "Corpus delicti. Ein Prozess" schildert Zeh eine - gar nicht ganz so - fiktive Gesundheitsdiktatur im Jahr 2057. Die "Methode" fordert von den Bürgern ultimative Fitness. Ein Chip im Arm misst den Body-Mass-Index. Essen und Sport sind durchgeplant, Paare müssen immunologisch kompatibel sein, um möglichst potente Nachkommen zu zeugen. Schöne neue Welt.

Zeh mag das zwanghaft Festgezurrte nicht. Das gilt auch für das eigene Werk. Die Autorin hat "Corpus delicti" völlig dekonstruiert, um daraus mit der Ingolstädter Band Slut eine "Schallnovelle" zu formen. Entstanden ist kein klassisches Hörspiel, sondern eine fordernde wie kluge Collage aus Spiel, Wort und Musik.

"Der Text war einfach Materialkiste für die Zusammenarbeit", stellt Zeh unprätentiös fest. "Das ist wie bei diesem Kinderspiel, bei dem einer was aufschreibt, den Zettel umknickt, und der andere muss was dazuschreiben", sagt Christian Neuburger, Sänger und Gitarrist bei Slut. Die Band war bereits zuvor aus dem rein popkulturellen Rahmen ausgeschert und hatte die "Dreigroschenoper" am Ingolstädter Theater begleitet. Mit Spannung ist also zu erwarten, wie diese Kollaboration heute live auf die Bühne des Grünspan gebracht wird. Auf dem Flyer zu ihrem Projekt inszenieren sich Musiker und Autorin in der Ästhetik eines Fahndungsplakats als "RAK-Bande". Die Buchstaben stehen für "Recht auf Krankheit".

Beim Interview sind die Akteure durchaus fidel. Zeh zeigt in ihrem Kleid neben Tattoos auch Muskeln, die auf regelmäßiges Training schließen lassen. "Also, womit ich überhaupt gar kein Problem habe, ist, dass Leute gern gesund sein möchten. Das möchte ich auch", erklärt Zeh. Für ungesund halte sie jedoch, "dass man Gesundheit zu einer Norm macht - als wäre das etwas, das man objektiv definieren und auf jeden einzelnen Menschen anwenden kann. Und wer nicht dazu passt, wird aussortiert." So wie Mia, Protagonistin in "Corpus delicti", die sich gegen das System stellt.

Die Songs von Slut wirken in dem Psychoterror der Geschichte nicht nur wie ein eigenständiger Kommentar, sondern oft auch wie ein Katalysator. Sphärische Keyboard-Melodien, raffiniert arrangierte Elektronika und schwelgerischer Gesang verschaffen dem Hörer Erleichterung inmitten der abwärts driftenden Story. Pop trifft Paranoia.

"Wenn wir das Beklemmende noch bedient hätten, hätten wir nur unterstrichen, was der Text schon vorgibt. Das wäre dann ein Soundtrack gewesen. Das wollten wir nicht", erläutert Neuburger. "So haben wir andere Bilder gebaut mit der Musik, neben dem Text her."

Eine kreative Arbeit, die in der Praxis umsetzt, was der Roman einfordert: Eigenständigkeit. In der aktuellen Realität sieht Zeh mit Sorge, dass "das hohe Maß an Freiheit für den Einzelnen", das derzeit in unserer Gesellschaft verfügbar sei, häufig als Bedrohung angesehen werde. Die Konsequenz: ein erhöhtes Sicherheitsbedürfnis. "Da ist was gekippt. Paradox." Sagt die Autorin.

Und damit sich dieser laut Zeh "groteske Ansatz" nicht manifestiert, wird die Autorin aktiv. Künstlerisch und politisch. Mit ihrem Kollegen Ilija Trojanow schrieb sie das Buch "Angriff auf die Freiheit. Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte". Und 2008 reichte sie beim Bundesverfassungsgericht eine Klage gegen den biometrischen Reisepass ein.

Ein derart kritisches Bewusstsein vermissen Neuburger und Zeh bei vielen Jugendlichen. "Ich spreche öfter mit 15-, 16-Jährigen an Gymnasien. Da bin ich jedes Mal komplett geschockt", erklärt Zeh. "Die reden wie kleine Manager ihrer selbst. Zum Teil sagen die Eltern schon: Entspann dich doch mal!"

Zur Selbstvermarktung gehöre die Kontrolle des eigenen Körpers, wie Neuburger kommentiert: "Der ist das Aushängeschild, der Türöffner, die Werbefläche." Schon krass.

Juli Zeh und Slut mit "Corpus Delicti" live: heute, 19 Uhr, Grünspan (Große Freiheit 58), 21 Euro im Vvk.