SHMF: Berliner Philharmoniker zu Gast

Diese ansteckende Sucht des Simon Rattle

23 Jahre hat das Schleswig-Holstein Musik Festival auf dieses Debüt warten müssen, und als es jetzt endlich kam, ereignete es sich außerhalb der eigentlichen Spielzeit.

Lübeck. Fünf Tage nach dem offiziellen Ende des SHMF gastierten am Freitag die Berliner Philharmoniker unter ihrem Chefdirigenten Sir Simon Rattle in der Musik- und Kongresshalle in Lübeck - und verließen die Stätte im erwarteten Triumph.

Dieses Orchester spielen zu hören und sich in seinem Klang bewegen zu dürfen sei seine Sucht, sagt Rattle, dann sei er glücklich. Dieses Glück und diese Sucht sind extrem ansteckend. Das SHMF-Gastspiel begann mit dem Lehr-, Schau- und Spielstück "The Young Person's Guide To The Orchestra" von Benjamin Britten, das allen Orchestergruppen Raum zu klanglicher Selbstdarstellung bietet. Rattle dirigierte wie ein Puppenspieler, der graziös die Strippen zieht, ohne sich dabei physisch zu verausgaben. Anschließend erlebte das Publikum nur wenige Tage nach der Uraufführung in Berlin Kaija Saariahos "Laterna Magica", eine überaus komplexe Orchestermeditation über das Licht.

Saariaho ist eine Händlerin magischer Klänge; wie sie Tonhöhenschwankungen im mikrotonalen Bereich in unruhiger Schwebe hält und in filigran gearbeitete Klangflächen Tonreflexe streut, auch, wie sie heftig illuminierende Blitze aus sonderbaren Geräuschen inszeniert, wirkt ihre "Laterna Magica" wie Licht über dem Meer, das auch manche unheimliche Spiegelung auf der Wasseroberfläche hervorruft. Sanfte Triller, leise Glissandi, dazu das in der Partitur von einigen Musikern verlangte Flüstern von Lichtqualitäten (etwa "das diesige, heiße, heftige, klare Licht") sicherten der Musik gespannte Aufmerksamkeit.

Glorios schließlich die "Symphonie fantastique" von Hector Berlioz, die wir mit ihren sechs Harfen und übrigem riesigen Orchesterapparat fälschlich als vertontes Fantastrilliardentumà la Dagobert Duck in Erinnerung hatten. Rattle dirigierte ohne Partitur, und das Orchester spielte mit begeisternd disziplinierter Leidenschaft. Wie die Ersten Geigen ohne das leiseste Geraschel Kantilenen aus dem Nichts heraufbeschwören, wie überirdisch schön die Holzbläser Piano spielen können, wie herzhaft die Kontrabassisten, wenn's sein muss, ihre Bögen in die Saiten beißen lassen - wann, bitte, dürfen wir das alles wiederhören? Hamburg, meine Perle, wir hatten eine kurze Treuekriseund erwogen den Umzug nach Berlin, um diesem unfassbar guten Orchester öfter nahe zu sein.