Internationales Sommerfestival

Die Einsamkeit des siegreichen DDR-Stürmers auf dem Rasen

"Super, das ist ein Traum." Die Nachbarin auf der Haupttribüne des St.-Pauli-Stadions weiß noch nicht, wie recht sie hat. Sie meint das Prachtwetter.

Hamburg. Das Panorama mit Achterbahn, Kettenkarussell und Riesenrad auf dem Dom im Hintergrund. Den Becher Bier, den ihr der Mann bringt.

In diesem Moment denkt sie zuletzt an den Schauspieler Massimo Furlan, der sich mit seinem Solo-Fußball-Spiel "22. Juni 1974, 21.03" am Millerntor den Jungentraum aus dem Kinderzimmer erfüllt. Er spielt in einem wirklichen Stadion einen legendären Torschützen: Jürgen Sparwasser beim 1:0-Sieg der DDR über die BRD im Volksparkstadion bei der WM 1974. Und gewinnt dafür 1003 registrierte Zuschauer, vielleicht aber auch ein paar mehr. Warum? Ganz einfach. Fußball ist ein Mythos, der an sich Grund genug ist zum Feiern - selbst dann, wenn man weiß, wie das Spiel ausgeht.

Johlen, Pfiffe. Ein paar Buhrufe ewiger Westler. Der Italoschweizer läuft im blau-weißen Trikot mit der Nummer 14 ein - ohne Ball. Die Freiwillige Feuerwehr Hasloh spielt die Nationalhymnen. Das Publikum steht, singt mit. Wie in einer Choreografie läuft Furlan dann in zwei kompletten Halbzeiten Sparwassers Wege nach. Er sprintet los oder steht - 90 Spielminuten lang. Er rutscht aus, schüttelt den Kopf, reißt die Arme enttäuscht hoch bei jedem Fehlpass - und die Zuschauer gehen mit, rufen "Pfui!" oder aufmunternd "Lauf, lauf!" Über Miniradios verfolgen sie die Ost- oder West-Reportagen. Alle warten auf den einen Moment. Viele haben ihn in Erinnerung. In der 77. Minute: "Tooooor!" Als wär's der DDR-Fanblock, so steht die Menge auf. Jubelt, winkt. Der Held läuft im Spot auf dem Rasen. Flutlicht flammt auf, erhellt die Tribüne, während die Lichter vom Dom verblassen.

Was hier abgeht, ist eindeutig Theater. Doch nicht der üblichen Art. Der Spielort ist real, wird aber zum Schauplatz eines Spiels mit Fantasie und Erinnerung. Die Perspektive auf die gut bekannte Wirklichkeit verschiebt sich. Gewöhnlich folgt der Blick dem Ball und nicht einem einzigen Spieler. Hier bleibt gar nichts anderes übrig. Das wird manchmal langweilig. Zeit zum Austauschen von Erinnerungen an andere Spiele.

Oder es fällt einem zum ersten Mal auf, was ein Stürmer während eines Spiels so macht, was gar nicht sturmmäßig ist.

Er steht eben auch herum, guckt in die Luft, faltet die Hände über der Hose. Oder kratzt sich am Kopf. Jede Geste, jeden Pass hat Furlan seinem Vorbild abgeschaut und macht ihn auf Schritt und Tritt nach - dirigiert von der Regie durch einen Knopf im Ohr, falls ihm die nächste Aktion nicht parat sein sollte. Stumm und verloren auf dem weiten Rasen erzählt der Stürmer natürlich auch etwas von der Einsamkeit des Fußballspielers inmitten seiner Mannschaft. Vom verbissenen Kampf des einen gegen alle.

Stellvertretend für den Zuschauer lebt Furlan den Traum, einmal da unten zu stehen und um den Sieg zu rennen. Der Held der Stunde zu sein - wie Jürgen Sparwasser. Im Jubel des Publikums zu baden wie am Schluss. Mit erhobenen Armen animierte er es zur Welle, kostete nach dem Alleingang verdient seinen Triumph aus. Der galt allerdings auch dem Mythos Fußball, ohne den das Einmann-Spektakel nicht funktioniert hätte.

Nach den Ausflügen des Festivals in die Stadt mit dem Fußball-Gastspiel am Millerntor und dem Filmspaziergang in den verlassenen nächtlichen Einkaufspassagen der City kehrt das Festival nun zurück aufs Gelände der Kulturfabrik. Heute gibt der Kanadier Mocky ein Konzert (21 Uhr) und morgen Abend präsentiert Ohad Naharin mit der Batsheva Dance Company die deutsche Erstaufführung seiner Choreografie "Max" (bis 28.8., jeweils 21 Uhr).

Internationales Sommerfestival bis 30.8., Kampnagelfabrik, Jarrestraße 20-24, Karten: T. 2709 49 49 oder www.kampnagel.de