Thomas Pynchon: Neuer Roman

Der unsichtbare Dichter

Seit 40 Jahren lebt der Kultautor vollkommen zurückgezogen. In den USA ist jetzt "Inherent Vice" erschienen.

Hamburg. Kaum ist ein neuer Roman von Thomas Ruggles Pynchon angekündigt, wächst bei seinen eingefleischten Anhängern die Aufregung in ähnlicher Weise wie bei Harry-Potter-Fans. Indem sie jedes noch so kleine Detail der neuen Publikation aufgreifen, ausdeuten und verbreiten, betreiben sie für den seit gut 40 Jahren vollkommen zurückgezogen lebenden Autor freiwillig eine unbezahlbare Vorab-Promotion. Oder um mit den Worten des mysteriösen Meisters zu sprechen: "Ein Heulen kommt über den Himmel."

Zu vernehmen war es auch kurz vor Ankunft seines neuen Romans "Inherent Vice" (zu Deutsch etwa: "Inneres Laster"), der jetzt in den USA bei Penguin Press erschienen ist.

Bereits im Oktober 2008 hatte die "Los Angeles Times" Spekulationen von einem neuen Werk aufgegriffen, die auf einer William-Gaddis-Fan-Seite kursierten. Das Blatt zitierte den Gaddis-Experten Steven Moore, der angeblich jemanden gesprochen hatte, der Pynchon kennt: "Es handelt sich um eine Detektiv-Story in der Tradition der ,Schwarzen Serie', unterfüttert mit ordentlich viel Psychedelika." Ein halbes Jahr später äußert der Musiker Dan Franklin die Vermutung, Pynchon habe mit dem neuen Buch das Triumvirat Sex & Drugs & Rock 'n' Roll wiederbelebt.

Gemessen an der bisherigen Publikations-Aktivität dieses neben J. D. Salinger wohl rätselhaftesten US-Autors ist sein siebter Roman allerdings fast ein Schnellschuss - er erscheint nur drei Jahre nach dem 1600-Seiten-Werk "Gegen den Tag". Nicht weniger als 17 Jahre lagen etwa zwischen dem schwer zu entschlüsselnden Roman "Die Enden der Parabel" (1973), für den der große Unsichtbare den National Book Award bekam, und dem geradezu einfach lesbaren Kalifornien-Roman "Vineland" (1990). Weitere sieben Jahre verstrichen, bis das Landvermesser-Epos "Mason & Dixon" erschien, noch einmal neun, in denen der heute 72-Jährige an dem Koloss "Gegen den Tag" schrieb.

Die ganz unerschrockenen Pynchon-Fans, für die neben der Vertracktheit der Texte stets auch der gewaltige Umfang eine angenehme Herausforderung war, werden angesichts der angekündigten 384 Seiten enttäuscht sein. Nicht einmal ein Drittel so dick wie "Mason & Dixon"! Und hatte Pynchon zuletzt das 18. Jahrhundert besucht beziehungsweise gleich mehrere Epochen und Kontinente durchflogen, unternimmt er diesmal nur eine bescheidene Zeitreise in die Endphase der späten Sechzigerjahre. Aber die haben es in sich: Die freie Liebe geht, die Manson-Morde kommen, und alles wird unheimlich.

Das Umschlag-Motiv des hawaiianischen Künstlers Darshan Zenith zeigt - angestrahlt von dem in Las-Vegas-Leuchtbuchstaben gesetzten Titel - den "Endless Summer Surf Shop", vor dem ein 1959er Cadillac Hearse parkt. Ort der Handlung ist ein kalifornisches Surfer-Paradies.

Am Anfang erwacht Privatdetektiv Larry "Doc" Sportello in Los Angeles gerade aus einem Marihuana-Rausch, da schneit seine Ex-Freundin Shasta rein und bittet ihn um Hilfe. An der Bürotür des Ermittlers mit Afro-Frisur steht (und die Idee dürfte von den Beatles inspiriert sein): LSD Investigations - Location, Surveillance, Detection. Man muss sich Sportello wahrscheinlich wie Philip Marlowe als Hippie vorstellen. Shasta geht es um die Entführung des stinkreichen Grundstückmaklers Mickey Wolfmann, mit dem sie liiert ist - der Auftakt zu einer gewohnt komplexen und mit ausgefallenen Typen gespickten Handlung, die durchaus an den Brüder-Coen-Film "The Big Lebowski" erinnert. Mit Doc Sportello, dem der Polizist Bigfoot Bjornsen das Leben schwer macht, ist Pynchon jedenfalls wieder ein so einprägsamer Protagonist jenseits der Norm gelungen wie der Haschkopf Zoyd Wheeler aus "Vineland".

Im Blog GalleyCat wird Salman Rushdie mit den Worten zitiert: ",Inherent Vice' verspricht, das unbeschwerteste Buch seit ,Vineland' zu sein." Und der seinerzeit - allerdings unfreiwillig - ebenfalls abgetauchte Autor der "Satanischen Verse" erinnert sich an ein Essen mit Pynchon vor 20 Jahren: "Er war extrem pynchonesk. Genau so, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Leider hat er sich nie wieder gemeldet."

Neben dem irrwitzigen Krimi, der vom Magazin "The New Yorker" ebenso positiv besprochen wurde wie von "Entertainment Weekly" und "The Guardian", erscheint auch eine 15-stündige Lesung von Ron McLarty auf zwölf CDs. Selbst eine Verfilmung liegt in der Luft, glaubt man Hollywood-Spekulationen . Es wäre die Erste nach einem Pynchon-Roman.

Aber wann kommen deutsche Leser in den Genuss des neuen, wirklich lässigen Pynchons? Fest steht nur, dass der Rowohlt Verlag "Inherent Vice" auf Deutsch veröffentlichen wird. Offen ist noch, wann und unter welchem Titel. Frei nach dem Beach-Boys-Song in der letzten Roman-Szene: "God Only Knows".