Nachruf: Schauspieler Traugott Buhre ist gestorben

Tod eines unvergesslichen Theatermachers

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Klaus Witzeling

Bruscon, der "Theatermacher", wurde zur Lebensrolle von Traugott Buhre. In Thomas Bernhards grimmiger, für die Bühne glühender und sich verzehrender Komödiantenfigur hat er in Claus Peymanns Inszenierung für die Salzburger Festspiele 1985 eine verwandte Seele gefunden: Den die Wahrheiten und Widersprüche im menschlichen Charakter unerbittlich bloßlegenden Schauspieler.

Hamburg. In der Nacht zum Sonntag ist Traugott Buhre wenige Wochen nach seinem 80. Geburtstag gestorben.

Aber der "Theatermacher" Bruscon hat Buhre begleitet, ist mit ihm gewachsen und ihm verwachsen - auch in den anderen Rollen, die Thomas Bernhard ihm auf den Leib geschrieben zu haben schien, zuletzt "Immanuel Kant". Buhre hat den meuternden, mit sich und der Welt ins Gericht gehenden Philosophen noch im Juni am Zürcher Schauspielhaus gegeben. Eine Lesung bei der Ruhrtriennale und den Auftritt in Andrea Breths "Der zerbrochne Krug" hatte er jedoch absagen müssen.

Buhres Theaterberserker Bruscon spiegelte auch ein Stück eigener Lebenserfahrungen wider. Der Pastorensohn aus dem ostpreußischen Insterburg, geboren am 21. Juni 1929, war nach der Flucht in Hannover zur Schauspielschule gegangen und danach bei einer Wanderbühne untergekommen. Er tingelte als Hilfsbeleuchter und Kleindarsteller über die Dörfer, um Jahrzehnte später triumphal in seiner Paraderolle wieder durch die Lande zu touren.

Dazwischen hatte er seine Karriere sukzessive aufgebaut. Er spielte in Hamburg, Köln, Stuttgart und Frankfurt, war auch Claus Peymanns eigenwilliger Nathan 1981 in Bochum. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" schrieb damals: "Sein Nathan war nicht weise, nicht einmal klug, er war ein lieber Mensch, der Angst und dennoch den Mut zur Wahrheit hat: die Geburt der Lessingschen Vernunft aus einem Kindergemüt."

Buhre beherrschte die ganze Spannbreite der menschlichen Natur - vom großmütigen Kind bis zum verbissenen Tyrannen. Seine Auftritte - oft bescheiden zurückgenommen, dann wieder sich unverschämt an der Rampe in Szene setzend - wurden stets zum Ereignis. Selbst dann, wenn Buhre nur schweigend wie in "Haltestelle.Geister", dem Eröffnungsinszenierungsflop der Stromberg-Ära, die Bühne überquerte. Unvergesslich.

Am Thalia-Theater setzte Buhres "Faust" 1979 in Hans Hollmanns kalter, sprachbetonter, satirisch zugespitzter Inszenierung von Goethes "Menschheitsdrama" moderne Maßstäbe. Der Schauspieler lieferte sich ein Duell mit seinem damaligen Theaterdirektor Boy Gobert als Mephisto.

Das Geheimnis seiner charismatischen Bühnenkunst hat Traugott Buhre in einem Interview preisgegeben: "Auf der Bühne bin ich mir ständig des Spielens bewusst. Genau das macht für mich den Lustvorgang aus: Aus sich herauszugehen und trotzdem selbst zu bleiben." Mit Traugott Buhres Tod sind die deutschsprachigen Bühnen um einen markanten, unvergesslichen Theatermacher ärmer geworden.