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Kritik an der Kritik: Was Theatermacher von Kehlmanns Rede halten

Matthias Hartmann (45), Intendant des Wiener Burgtheaters: "Ich hege große Sympathie für Daniel Kehlmann. Seine Literatur ist intelligent und spielerisch. Ich würde mich freuen, wenn er etwas fürs Theater schriebe. Leider macht er aus seiner Ideologiekritik eine neue Ideologie. Regietheater ist genauso wichtig und notwendig wie der Dienst am Autor. Die großen Inszenierungen der letzten Jahre habe ich von Simon McBurney, Jan Lauwers und Alvis Hermanis gesehen - alles Regisseure, auf die der Begriff des Regietheaters sicher zutreffen würde. Nur weil das Regietheater oft langweilig geworden ist, darf man es nicht grundsätzlich verdammen."

Ulrich Khuon (58), Ex-Thalia- und neuer Intendant des Deutschen Theaters Berlin: "Daniel Kehlmann sagt, er gehe nicht ins Theater. Er bringt in seiner Rede Unkenntnis in der Sache mit einem Pauschalvorwurf zusammen, den er nirgends konkretisiert. Er bleibt abstrakt und allgemein. Das ist unproduktiv. Diese Schelte verbindet er auch noch mit der persönlichen Tragik seines Vaters. Alle Berufe wandeln sich, produzieren Sieger und Verlierer. Da ist das Theater keine Ausnahme. Kehlmann unterstellt quasi, das Regietheater sei eine sich untereinander absprechende Kamarilla. Das ist völlig absurd. Jedem Kritiker muss man sagen: Bleib konkret. Das, was hier stattfindet, ist pauschales Verschwörungsgedudel. Es ist unverantwortlich, dies an einer Stelle wie der Eröffnung der Salzburger Festspiele zu tun. Hier würde man doch gerne eine Auseinandersetzung mit dem Theater zu hören bekommen."

Frank Baumbauer (63), Ex-Intendant des Schauspielhauses und der Münchner Kammerspiele: "Es gibt kein Regietheater. Es gibt nur gutes und schlechtes Theater. Gutes Theater ist immer auf der Höhe der Zeit, entweder durch Texte oder durch Interpreten. Daniel Kehlmann soll bitte solche Reden nicht mehr halten."

Jürgen Flimm (68), Leiter der Salzburger Festspiele, ab 2010 an Intendant der Berliner Staatsoper Unter den Linden: "Ich war von der Rede sehr berührt. Man merkt, dass der Junge Daniel damals sehr gelitten hat, als es seinem Vater nicht gut ging. Ob er allerdings recht hat mit seiner Kritik, ist eine andere Frage. Ich würde sagen: Er hat nicht in dem Maße recht, wie er es gern hätte. Er spricht ja meine Generation an, und die war eigentlich vergleichsweise brav. Wir waren nah am Text und sind mit den Stücken nicht so umgegangen wie die jungen Regisseure heute. Ich halte allerdings auch viele der heutigen Regisseure für sehr begabt. Die haben das Theater von der Literatur befreit - das kann man positiv sehen oder negativ. Ich sehe es positiv, jede Generation sucht am Theater ihren Ausdruck. Und die nächste Generation findet wieder einen neuen, ihren eigenen Ausdruck. Dass jemand wie Peter Stein alles nicht gut findet, was unter 69 ist, das ist doch albern. Und wenn wir über Texttreue sprechen, fällt mir der Theaterdirektor Goethe ein, der sinngemäß gesagt hat: Es muss alles wie frisch aus der Pfanne sein."