Nachruf: Leo Brawand ist verstorben

Ein Zettel machte ihn zum Chefredakteur

Der Journalist, Letzter aus der Gründergeneration des "Spiegels", prägte das Nachrichtenmagazin, die Wirtschaftspresse und schrieb deutsche Pressegeschichte: Leo Brawand ist tot.

Hamburg. Leo Brawand war "der Mann im Schrank", zumindest für die deutsche Pressegeschichte. Als die Polizei im Oktober 1962 den "Spiegel" wegen einer kritischen Geschichte über die Bundeswehr mit dem Titel "Bedingt abwehrbereit" überfallartig besetzte und Landesverrat vermutete, kletterte Brawand als damaliger Stellvertretender Chefredakteur kurz entschlossen in seinen Büroschrank - ein von ihm schon häufiger benutztes Versteck. "Sie hatten dann die Tür versiegelt und zugeschlossen", hat Brawand einmal erzählt, "aber ich habe sie nachher mit einer Schere und einem Brieföffner aufgemacht und bin durch einen Seiteneingang verschwunden". Brawand warnte Rudolf Augstein telefonisch vor der drohenden Verhaftung. Er ermöglichte Augstein damit, sich freiwillig zu stellen. So begann die "Spiegel-Affäre", die zum Ende der Adenauer-Ära und zur Dauerfeindschaft zwischen Augstein und Franz Josef Strauß, dem damaligen Verteidigungsminister, führte. Während Augstein dann für 103 Tage ins Gefängnis musste, bevor er als Sieger aus dem Kampf mit dem Staat hervorging, führte Brawand die Geschäfte des "Spiegels". Rudolf Augstein hatte den Weggefährten aus dem Knast per Zettel dazu ernannt.

Leo Brawand hat gemeinsam mit Rudolf Augstein von 1947 an den "Spiegel" aufgebaut. Mit Verve und Chuzpe machten sich die zornigen jungen Männer, die gerade dem Krieg entkommen waren, daran, in Deutschland die Pressefreiheit mit aufzubauen. Brawand und Augstein hatten 1946 beim "Spiegel"-Vorläufer "Diese Woche" begonnen, der vom britischen Presseoffizier John Chaloner gegründet worden war. Jetzt ist Brawand als Letzter aus der Generation der Gründer, 84-jährig an einem Krebsleiden in Hamburg gestorben.

Leo Brawand war gelernter Englischlehrer. Mit nur 22 Jahren wurde er Journalist. Bis 1971 blieb er beim "Spiegel", war dort auch Leiter des Wirtschaftsressorts und Bonn-Korrespondent. Dann wurde er Chefredakteur des "Manager Magazins". Der eloquente Brawand, der schon lange, bevor das Mode wurde, sein Haar zurückgegelt trug, war auch im Fernsehen ein wortwitziger Verteidiger der sozialen Marktwirtschaft.

Brawand war ein lebenslanger Optimist. "Ich bin kein Kind von Traurigkeit" war sein Leitspruch. Dass seine Tochter Gabriele am Jahresende 1985 in Hamburg ermordet wurde, hat ihm einen grausamen Schicksalsschlag versetzt. In seinen letzten Lebensjahren ist Leo Brawand viel gereist. Darüber sowie über den "Spiegel", Rudolf Augstein oder die Wirtschaft hat er Bücher geschrieben. Vor zehn Jahren landete er einen Bestseller, "Manager sind auch nur Menschen", ein Titel, den man heute in ganz anderem Licht liest. Noch kurz vor seinem Tod beendete er ein Manuskript für ein neues Buch.