Im Festspielhaus Baden-Baden

Thomas Hengelbrocks straff auf Kontraste gebürsteter "Freischütz"

Dass der Bühnenverhübscher Robert Wilson bei seinen Design-Abenden kaum noch etwas anderes abliefert als Repliken von hinlänglich bekannten Markenzeichen, machte nun auch seine "Freischütz"-Inszenierung im Festspielhaus Baden-Baden zum buntlackierten Hochpreis-Event ohne nachhaltigen Nährwert.

Baden-Baden

Knapp zwei Jahrzehnte nach seinem legendären "Black Rider" am Hamburger Thalia legte der Texaner zur Eröffnung der hochpreisigen Pfingstfestspiele eine Version des Weber-Originals vor, die sich von Originalität fernhielt, dafür aber Wohlfeiles aus dem Wilson-Effekte-Fundus schaulaufen ließ.

Aus Hamburger Sicht viel interessanter als das wehmütige Erinnern an die raffinierte postmoderne Musical-Sause mit Tom Waits' Songs war der am Ende zu Recht bejubelte Dirigent: Thomas Hengelbrock, ab 2011 Nachfolger von NDR-Chefdirigenten Christoph von Dohnányi, stand hier im Graben des Festspielhauses, wo er seit Jahren Stammgast ist, und glänzte bei diesem Debüt mit dem bestens durchorganisierten Mahler Chamber Orchestra, als würde man sich schon seit Jahren kennen und prima verstehen.

Hengelbrock legte einen straff auf Kontraste gebürsteten "Freischütz" hin, der aus dem Barock-Blickwinkel kam und von sämigen Biedermeier-Romantizismen entschlackt war. In dem es klar und knackig zur Sache ging, um die Geschichte von der satanischen Wundermunition, dem Jägerburschen Max und seiner Agathe zu erzählen. Die Naturhörner spielten dabei so treffsicher mit, als wären ihre riskanten Instrumente aus Freikugel-Material. Hengelbrock ließ die Ecken und Kanten der Partitur effektvoll stehen, anstatt sie geruhsam abzurunden. So wie das klang, hat das Hamburger Publikum hat in ihm jemanden, auf dessen Stil-Perspektiven und Überraschungen man sich schon jetzt freuen kann.

Hin und wieder hätte der Orchesterklang zwar etwas mehr großkalibrige Durchschlagskraft vertragen können, doch das war stimmschonende Absicht. Auf der Bühne fand ohnehin eine statisch konzertante Aufführung statt, mit einer Sängerbesetzung, aus der einzig Juliane Banse, wenn auch leicht wacklig, als Seelchen Agathe herausragte. Doch auch das war in der Baden-Badener Kosten-Nutzen-Rechnung inbegriffen. Das Event-Ensemble hatte hier vor allem Kleiderständer zu sein - ein Sortiment aus Comic-Anziehpuppen und kristallbestäubte Funkelmariechen, das sich gut bestaunbar an der Rampe abzustellen hatte.

Die Kostüme dafür stammten vom Amsterdamer Designer-Duo Viktor & Rolf; die 1,4 Millionen Kristalle obendrauf von Swarowski. Bling-Bling mit Namedropping-Hintergedanken und Klatschpresse-Potenzial, der gute alte deutsche Wald als Scherenschnitt und reichlich Revue-Klamauk mit Abitur waren das umjubelte Ergebnis. In der Wilson-Wolfsschlucht wurde gar schröcklich mit Wilson-Feuer, Hui-Buh-Gespenst und Kunstnebel hantiert, Jäger Max (Steve Davislim) hielt eine Wilson-Laubsäge-Flinte und steckte in einem Wilson-Blätterbüschel, für Begriffsstutzige bekam der Bauer Kilian seinen Beruf in Großbuchstaben als Schulterpolster verpasst.Wie egal Wilson und dem Premierenpublikum alles war, das auf eine Suche nach tieferen Absichten hingedeutet hätte, bewies die abstruse Szene mit dem Jägerchor. Peter Konwitschny hatte 1999 in seinem Hamburger "Freischütz" für listig herausgekitzelte Aufregung gesorgt, weil er Frauen wie erlegte Jagdbeute auf dem Bühnenboden ausbreitete, nachdem ein Buchhalter den testosterongeladenen Chor-Text vom "männlichen Verlangen" aufsagte. Wilson ging hier nur noch den Weg des geringsten intellektuellen Widerstands: Er steckte die Herren des Wiener Philharmonia Chors in weiße Lederhosen und Stulpen, dazu trugen die Albinos vom Lande knallrote Schuhe. Die Burschen erkasperten sich mit ihrer Slapstick-Choreografie nach einer Schrecksekunde eine Wiederholung mitsamt verstärktem Mitklatschen, als wären sie in einer tuntigen "Crazy Horse"-Version vom "Musikantenstadl". Das sah hinreißend bekloppt aus und funktionierte bestens. Es sei denn, das war Ironie.