Autorentheatertage: Gastspiel der Wiener Burg mit Rene Polleschs "Fantasma"

Geisterbahnfahrt durch die Gegenwart

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Klaus Witzeling

Die wilde Mischung aus Film, Theater und Philosophie eröffnete das Festival für zeitgenössische Dramatik.

Hamburg. Wie kommt es, dass von einem Tag auf den anderen etwas aufhört? Das kann die Liebe sein. Oder das Projekt des Kommunismus, das die chinesische und russische Führung aufgegeben haben, um den Kapitalismus aufzubauen. Es können auch die Autorentheatertage sein - weil sie Intendant Ulrich Khuon einfach nach Berlin exportiert.

In Rene Polleschs "Fantasma" wissen die Spieler keine Antwort auf die wortreich im Stück umkreisten Kernfragen. Sie beschwören das Ende der Liebe, des Kommunismus und der Theatervorstellung - auch im Sinne der üblichen Vorstellung von Theater. Und spielen zur Eröffnung des Festivals im Thalia amüsant und dialektisch mit Anfang und Ende.

"Wir wollen nicht über das Ende der Autorentheatertage reden, sondern die nächsten Wochen mit Theater feiern und es genießen", sagte Ulrich Khuon im Grußwort. Über die Stücke redend, meinte er, die Autoren zeigten nicht mehr Wahnsinn als Angst oder Neurose, sondern "ein Irrewerden, das die Normalität ersetzt."

Pollesch, der Regisseur seiner Stücke, die andere nicht inszenieren dürfen, gab in "Fantasma" ein komödiantisches Beispiel. Er steht auch für das neue Verständnis von Autoren, die nicht nur allein hinterm Schreibtisch sitzen, sondern im kreativen Kollektiv arbeiten, wie die neun Jahre lang das Festival begleitenden Dramaturgen Michael Börgerding und John von Düffel in ihrer Bilanz erläuterten.

Das Wiener Gastspiel führte auch die von Armin Petras am Sonnabend in "Rose oder Liebe ist nicht genug" angeschlagenen Themen von Liebe und Wahnsinn weiter. Allerdings im typischen Stil des antikapitalistischen "Sitcom-Systemkritikers": mit einer überraschend unterhaltsamen Geisterbahnfahrt auf den alten eingefahrenen, aus Polleschs Perspektive längst überholten Bahnen des Lebens. Bert Neumann versperrt mit einer lappigen Mauerkulisse die Sicht auf das eigentliche Geschehen dahinter. Das Alarm-Blaulicht scheucht die Spieler durch Garderobe, Filmset, Labor oder Kneipe, was Kameras live auf den Screen übertragen. Sie finden sich in Lubitschs "Madame Bovary" wieder oder bei Mrs. Marple. Sophie Rois als kratzbürstige Diva und der welke Bonvivant im Schlafrock des selbstironischen Martin Wuttke halten die kreisenden Satzschlaufen auf Trab und gewinnen ihnen Pointen, Situationskomik und Wahnwitz ab. In einer mit Applaus quittierten Slapstick-Szene zieht Pollesch den Schauspielern den Boden unter den Füssen weg, lässt sie in den Sog der Krise - also ins Parkett - purzeln. Der nicht nur mit visuellen Gags, Kalauern und philosophischen Verbalkapriolen juxende, intelligente Abend wird zum unterhaltsamen Gegenwartskommentar ohne Elendsgejammer und trifft gedanklich scharf den Wahnsinn der Zeit. Im Theater hat er vorläufig ein Ende, als Rois im Love-Song "If It's You" schwelgt. Ein Ende in Chanson-Grandezza. Es behauptet im schönen Paradox den Anfang von Polleschs demokratischem Theater.