R. J. Schlagseite im Nachthafen - aktuelle Konzertkritik aus der Mittwochnacht

Eine Poesie der Kernigkeit

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Birgit Reuther

Ralf Junker lebt auf der Elbinsel und arbeitet auf dem Kiez. Als Barmann im Sorgenbrecher. Da passt es gut, dass der erste und einzige Vertreter der Neuen Wilhelmsburger Schule mit seinen spröden wie schönen Gitarrenhymnen zu einer kleinen Tournee auf St. Pauli aufspielt.

Hamburg. Der Kiez hat seine eigene Zeitrechnung. R. J. Schlagseite weiß das. Und so spielt der Musiker jenen Damen, die zu spät zum Auftaktkonzert seiner kleinen St.-Pauli-Tour kommen, noch schnell zu später Stunde ein paar Songs auf der Westerngitarre. Prekariatshymnen. Trocken gedichtet. Mit Schnodderslang vorgetragen.

Der Ort für sein smartes wie sprödes Trinkliedgut hätte der Mann mit der sympathischen Halunken-Visage nicht besser wählen können. Der Nachthafen, eine jener seltener werdenden vernebelten Spelunken nahe der Reeperbahn. Rotlichtlämpchen am Holzgebälk. Mit Gestalten, die ein Filmteam niemals hätte casten können. Ladies konsumieren Selbstgedrehte und Sektchen. Typen Marke Buddy Holly oder Lemmy Kilmister nicken dem Barmann zu. Noch ein Bier. Der Wirt schenkt gerade Schnaps in Reihe aus, während R. J. Schlagseite, der im bürgerlichen Leben Ralf Junker heißt, zu schlichten hübschen Akkorden bekennt: "König Alkohol, ich bin Dein Untertan". Oder er appelliert an die Tresenhocker: "Trinkt billigen Wein, meine teuren Freunde".

Doch derart schöner Stumpfsinn ist bei weitem nicht die einzige Stärke des Singer-Songwriters mit der Bass-Stimme. Nummern wie "Hollywood" sind nostalgisch gefärbte Oden an Hamburgs Szene und Subkultur - jenes Paralleluniversum, das erst aufgeht, wenn die Sonne hinterm Horizont verschwunden ist. Eine Welt, in der Schlagseite sich als Barmann und Bluesrocker des Sorgenbrechers auf dem Hamburger Berg bestens auskennt. Und so klingen auch seine Lieder. Statt Befindlichkeitslyrik und intellektuellem Diskurs protegiert er auf seinem selbst produzierten Debütalbum "Für meine Niederlagen habe ich nichts gekonnt" eine Poesie der Kernigkeit. Selbstbewusst ruft der Elbinsel-Bewohner die Neue Wilhelmsburger Schule aus. Eine Bewegung, dessen erstes und einziges Mitglied er ist.

Eine Klasse für sich ist auch Schlagseites Gaststar Senor Depressivo aus Berlin. Ein androgynes Wesen, das aussieht wie Johnny Depp frisch aus einem Tim Burton-Film entflohen: Schwarzer Anzug, dunkel umränderte Augen, Zylinder. Die Hände mit den schwarz lackierten Fingernägeln huschen über die Tasten der Orgel, während die Frau mit dem schwarzen Schnäuzer und der Schmiergelstimme Moritaten über die Liebe singt. Derbe, grotesk, schillernd. Das Gesangstempo passt sie ihrem holprigen Spiel an. Die Ansagen erklingen in Englisch, Deutsch und Französisch, einer Fantasiesprache gleich. Ihr Repertoire schwankt zwischen Chanson und Tango - und immer wieder "Hilde". Die Knef erklingt auch im Duett von Senor Depressivo und R. J. Schlagseite: "Eins und eins das macht zwei".

Nach dem Auftritt muss der Musiker im feinen grauen Zweireiher noch seinen eigenen Roadie machen, die Mikros abbauen und Kabel einrollen. Zuvor wird von den Gästen aber noch die Gage kassiert. Mit einem Blecheimer. Auch bei seinen weiteren Konzerten auf St. Pauli am Donnerstag und Freitag wird es dann wieder heißen: "Leises Geld bevorzugt." Eine ganz eigene Rechnung.

Die nächsten Termine: R. J. Schlagseite mit Senor Depressivo: Do 23.10., 21.00, Sorgenbrecher, Hamburger Berg 29; Fr 24.10., 19.00, Freiheit&Roosen, Paul-Roosen-Str. 41; Eintritt frei; live im Vorprogramm für den Film "Rollo Aller 4": Do, 30.10., 23.00, 3001-Kino, Schanzenstr. 75; live beim St. Pauli Folkfestival: Mi,12.11. & Do,13.11., 21.00, Hafenbahnhof, Große Elbstrasse 276 R. J. Schlagseite als DJ: 31. Oktober, Sorgenbrecher, Hamburger Berg 29, von Jazz über Blues und Rock bis Punk.