Heiko Zahlmann entwirft die Skulptur für den neuen Karolinenplatz

In Beton gegossenes Grafitti

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Birgit Reuther

Alle paar Meter sind sie im Karoviertel zu entdecken: Gesprühte und gepinselte Werke des Hamburger Künstlers Heiko Zahlmann. Derzeit wird am Fuße der Gnadenkirche seine Installation „20357“ installiert, mit der er die Postleitzahl seines Heimatviertels künstlerisch umsetzt.

Hamburg. Wo ein Mensch wohnt, da richtet er sich gerne ein. Nach seinem Geschmack. Heiko Zahlmann lebt seit 13 Jahren im Karoviertel. Vielleicht liegt es schlicht an seinen 204 Zentimetern Körpergröße, dass ihm die eigenen vier Wände nicht reichen, um zu gestalten, dass er sich im wahrsten Wortsinn zu Höherem, zigfach Größerem berufen fühlt.

Wer durch Markt- und Glashüttenstraße sowie deren Hinterhöfe flaniert, entdeckt an den Häuserfassaden alle paar Meter ein Gemälde des Hamburger Grafitti-Künstlers. Linien und Flächen in Schwarz, Weiß und Rot zum Beispiel, die stark perspektivisch zurück fliehen. "Eine kompromisslose Arbeit", wie Zahlmann sagt. Oder der Besucher dieser Open-Air-Galerie erspäht an einer Ecke die graphische Arbeit "Ist das von diese Kunstwerke oder normal?", mit der Zahlmann den Spruch eines Passanten aufgriff.

"Die Leute wissen ja zum Teil gar nicht, was ich da mache, ob das Hobby ist oder Beruf." Aber ob die Betrachter seine Werke nun für Kunst oder für verzichtbar halten: Alles ist mit Erlaubnis gesprüht und gepinselt. "Das Illegale hat für mich keinen Reiz mehr. Das habe ich gemacht. Und da habe ich auch für bezahlt", sagt der 35-Jährige. Da diskutiert er schon lieber teils jahrelang mit den Eigentümern über eine Fläche und bringt sich im Sarnierungsbeirat des Viertels ein.

Da passt es gut, dass Zahlmann vom Bezirksamt Mitte, der Kunstkomission der Kulturbehörde sowie dem Architektenbüro GHP den Auftrag erhielt, eine Skulptur für den neu gestalteten Karolinenplatz zu schaffen. Auf 1,50 Meter Höhe und rund acht Meter Breite setzt er jetzt am Fuße der Gnadenkirche die Postleitzahlen seines Quartiers künstlerisch um. Ein Stufengebilde in Schwarz, Weiß und Grau, das sich eignen wird zum Kaffeetrinken, Abhängen und da macht sich Zahlmann keine Illusionen auch als Skater-Spielplatz. Am 31. Oktober um 11.30 Uhr weihen Bezirksamtschef Markus Schreiber und Nils Jockel vom Museum für Kunst und Gewerbe die "20357" offiziell ein.

Diese Tage liefern Bauarbeiter die schweren, extra im Ruhrgebiet gefertigten Betonplatten an. Das Ziffernwerk, das der Betrachter später am ehesten aus der Vogelperspektive entschlüsseln kann, illustriert gut, wie Zahlmann das Genre Grafitti radikal weitergedacht hat. Ende der 80er fing er in Hamburg an zu sprühen. Schon vor dem Abi 1993 erhielt er erste Aufträge, verlegte das Studium daher "auf später" und brütete im Atelier über neuen Ausdrucksformen.

"Fotorealistisch was abzumalen, war nicht mein Ding." Experimente auf Leinwand "der konventionellste Weg, ein Bild verkäuflich zu machen" waren ihm zu großes Eingeständnis. "Bei mir muss die Straße mitkommen." Daher transportiert und reflektiert Zahlmann die Grafittikunst nun auf Betonplatten. Vom Bunten hat sich sein Stil zum Monochromen entwickelt, von typischen Farbverläufen zu gespachtelten Wandreliefs. Seine Arbeiten sind in renommierten Sammlungen ebenso zu finden wie in Museen und Galerien. Und draußen, in Hamburg.

Sei es ein 2000 Quadratmeter großes Gemeinschaftsprojekt am Dock von Blohm & Voss (2001) oder eine futuristische Margerite auf einem Hochhaus in Rothenburgsort, die dieses Jahr mit seinen Kollegen Mirko Reisser und Gerrit Peters entstand. Ziemlich knallig für einen, der sich weniger dem Üppigen und mehr dem Minimalistischen verschreiben will. Aber bei Auftragsarbeiten malt Zahlmann, wie im Karoviertel, auch schon mal Koi-Karpfen und Wolkenlandschaften. Oder er fügt sein Signet in einen pitoresken Baum ein. "Ein Kompromiss mit den Anwohnern." Schließlich will der Künstler sein Umfeld nicht nur gestalten, sondern auch entspannt darin leben.