Pop-Charts: Mit gregorianischen Chorälen sind die Zisterzienser-Mönche erfolgreicher als Superstar Madonna

Die Himmels-Stürmer von Heiligenkreuz

Für die Klosterbrüder aus Niederösterreich ist der unglaubliche Erfolg ihrer CD immer noch ein "kleines Wunder".

Heiligenkreuz. Aufklappbare Mini-Schreine, kleine Engel in Streichholzschachteln, Messwein. Daneben, gleich bei den obligatorischen Papstpostkarten, Papstkerzen und Papstkettenanhängern stehen in den wandhohen Holzregalen außerdem Kräutertee, Marke "Helf dir Gott", "Gute-Laune-Kekse" aus biologischem Anbau ("Gutes aus Gottes Natur") und bunte Jesus-Kühlschrankmagneten. Das Zisterzienserstift Heiligenkreuz hat so ziemlich alles, was das Herz eines Gläubigen begehren könnte. Weltliche Devotionalien aller Art im Klostershop - und spätestens nach Ladenschluss Ruhe, Trost und Besinnlichkeit für den, den es länger in die Abgeschiedenheit des tiefgrünen Wienerwalds zieht, dorthin, wo, wie der Abt sagt, "der Himmel die Erde berührt".

Dass diese Beobachtung nicht ganz falsch sein kann, merkt schnell auch derjenige, der die Wege des Herrn für grundsätzlich unergründlich hält. In diesem Fall nämlich führten sie in ein beschauliches niederösterreichisches Tal, eine gute halbe Autostunde von Wien entfernt. Das mittelalterliche Heiligenkreuzstift, das weltweit älteste Zisterzienserkloster, in dem seit dem Jahr 1133 ohne Unterbrechung nach der Benediktinerregel "Ora et labora" gelebt, gearbeitet und gebetet wurde, liegt unaufdringlich eingebettet in die kleine Ortschaft Heiligenkreuz, die aus kaum mehr besteht als ein paar ordentlichen, blumengeschmückten Häusern mit Gartenzwergen im Vorgarten, einer Tankstelle mit Obststand und einem Zahnarzt, auf den ein eigenes Straßenschild hinweist.

Sobald man von der Schnellstraße einbiegt in die baumbestandene Zufahrtsallee zum Stift, genau am Ortseingang, ist man, so scheint es, auch schon von der Welt verschluckt. Doch das ist wie so manches eine Frage der Perspektive. Denn Heiligenkreuz ist ein Fleckchen Erde, auf das der liebe Gott offenbar ganz besonders gern herabschaut.

Seine braven niederösterreichischen Mönche jedenfalls - man mag es kaum glauben, wenn nach dem Nachtgebet das "Silencium Nocturnum" anbricht - hat es mittlerweile bis in die britischen Popcharts verschlagen. Mitten hinein in die Top Ten, vor Amy Winehouse und sogar vor Madonna. Der Sängerin Madonna. Und zwar mit Psalmen.

Und so stapelt sich nun das neueste hausgemachte Produkt direkt vor der Kasse des Klosterlädchens: "Chant - Music for Paradise", eine CD mit betörenden gregorianischen Litaneien, ein überirdisches, erhebendes Schwingen und Hallen, aufgenommen in Heiligenkreuz. Das Album ist der aktuelle Bestseller - im Klostershop sowieso; aber weil man es nicht zuletzt auch online bei Amazon bestellen kann (wo es in dieser Woche vor Udo Lindenberg auf Platz 7 steht), ist es zudem einer der Hauptgründe, warum immer mehr Touristen den Weg nach Heiligenkreuz finden. Noch mehr als die 170 000, die ohnehin jährlich vorbeischauen. Touristen, die unbedingt von einem der jungen Mönche vom CD-Cover eine Führung bekommen möchten. Die dem Abt die Hand schütteln wollen. Die frühmorgens verzückt dem ersten Chorgebet oder am Abend der Komplet in der Abteikirche lauschen. Kloster-Groupies.

Wer wissen will, wie das passieren konnte, muss Pater Karl fragen: "Es ist von oben über uns verfügt worden."

Tatsächlich ist Pater Karl, ein aufgeräumter groß gewachsener Mönch mit Ziegenbart, Brille und lustigen Segelohren, selbst nicht ganz unschuldig an dem "kleinen Wunder", wie er den CD-Erfolg berufsbedingt einordnet. Dabei, so meint der Rektor der klostereigenen Päpstlichen Philosophisch-Theologischen Hochschule, den wegen seiner Verantwortung für die Öffentlichkeitsarbeit alle nur noch mitfühlend den "Presse-Pater" nennen, habe er doch nur seine Pflicht erfüllt: Jede Nachricht, die er bekomme, beantworte er auch, so auch jene E-Mail eines Freundes Anfang des Jahres, in deren Betreffzeile nur "Schnell, schnell, Karl!" gestanden und die nichts als einen Link enthalten habe auf eine, so Pater Karl, "eher armselige Homepage". Es war die Website des Plattengiganten Universal Music. Der hatte schon seit Wochen nach Kirchenmusik, "sacred voices", gefahndet, in religiösen Publikationen entsprechende Annoncen aufgegeben, angeregt durch den Soundtrack des außerordentlich erfolgreichen Videospiels "Halo 3", in dem gregorianische Gesänge apokalyptische Abenteuer begleiten.

Pater Karl schickte nun seinerseits einen Link an die Londoner Musikmanager: zu einem Videoclip, den ein Mitbruder für YouTube gebastelt hatte und der dort bereits von mehr als 80 000 Internetnutzern angeklickt worden war (inzwischen sind es fast 151 000). Eine weihrauchgeschwängerte Bildcollage aus Mönchen in weißen Kapuzengewändern, dem Abt in voller Amtstracht, dem Papst, der sich das Kloster im vergangenen Jahr ausdrücklich in sein Programm hineingewünscht hatte, der Nachbildung des byzantinischen Kreuzes über dem Altar, alles unterlegt mit jahrhundertealtem lateinischen Gebetsgesang. Universal schlug sofort zu.

Bereits wenige Wochen darauf fanden die Aufnahmen mit 17 von Kantor Pater Simeon ausgesuchten jungen Mönchen statt - in der klostereigenen Kreuzkirche. Das war die Bedingung des Abtes. Kein Studio in London, kein Studio in Wien, keine Tournee, TV-Auftritte höchstens für den Presse-Pater und auf der CD ein selbst gewähltes Programm: Weil kurz zuvor einige Mitbrüder gestorben waren, entschied sich Kantor Simeon für die Begräbnisliturgie. Manche Mönche hatten dennoch Angst, als "Boygroup" vermarktet zu werden, zum Fotoshooting für das Cover mussten einige erst überredet werden - einer verschlief den Termin ganz einfach.

"Ich bin ja für meine Naivität dankbar", sagt Pater Karl heute und erklärt nachdrücklich, vorher noch nie von Universal gehört zu haben. "Ich dachte, das ist so eine originelle walisische Trachtengruppe", versichert er, legt den Kopf schief und grinst. Der Abt soll gar gebrummelt haben: "Der Heilige Vater ist der Papst der Universalkirche. Wir waren schon vor Universal universal." Die eigentliche Dimension haben beide wohl erst begriffen, als das fertige Album in den Charts emporschoss und erste Kamerateams ins Kloster einfielen, um die Chorgebete zu filmen.

Pater Karl bereitet es sichtlich Vergnügen, die Geschichte immer und immer wieder zu erzählen; trifft man ihn im Kreuzgang, raunt er einem schon mal den aktuellen Hitparadenplatz zu: "Haben Sie schon gehört? Wir haben Gold!" Ein wenig skurril findet er das Ganze aber doch. "Wir machen das hier immerhin seit 875 Jahren!" Allerdings sind die Mönche in all den Jahren, nach Falco und DJ Ötzi, erst das dritte österreichische Musikprojekt in den britischen Top Ten. Und das erste, das es dorthin allein durch Gebete geschafft hat.

Dem Abt sei der Rummel zuletzt ziemlich auf die Nerven gegangen, gesteht Pater Karl, und die aktuelle Chartsplatzierung dürfe er jetzt auch nicht mehr ans Schwarze Brett neben den Speisesaal hängen. Aber die Tantiemen seien eben auch "ein Geschenk Gottes", man könne von dem Geld viele Priesteranwärter aus Vietnam, Sri Lanka oder Afrika ausbilden. Dass das Album von weltlichen Hörern in der Regel als loungige Entspannungsmusik wahrgenommen wird, stört Pater Karl dabei überhaupt nicht. "Wir beten. Wie das für andere rüberkommt, überlassen wir dem lieben Gott. Die Liturgie ist ja durchaus eine Form des Chill-out. Die Übernatürlichkeit schwingt mit und überträgt sich."

Wer sich am frühen Morgen um Viertel nach fünf zu den Vigilien in der Abtei einfindet, spürt das unmittelbar. Der Himmel über dem Zwiebelkirchturm erwacht in einem sanften, blaustichigen Rosa, eine einzelne Schwalbe schüttelt irgendwo verschlafen ihr Gefieder, die knorrigen alten Ahornbäume im Hof schweigen. Es ist still im Kloster, nur der Josephbrunnen plätschert leise. Bis in der Abteikirche dieser wundersam innige Rezitationsgesang aufsteigt; die Zwiesprache der ganz in Weiß gewandeten Mönche schraubt sich wie ein einziger, gleichklingender Ton aus dem barocken Chorgestühl in das mächtige, hohe Kirchenschiff, verharrt dort, schwingt nach, zwischen kühlen, dicken Mauersteinen, bis die Brüder den nächsten Choral, die nächste Fürbitte hinaufschicken.

"Oasen der Kraft" hat der Papst, selbst ein großer Anhänger der Gregorianik, die Klöster bei seinem Besuch im September genannt, und weil er recht hat, war er nicht der einzige prominente Gast in Heiligenkreuz. Ausgerechnet ein Verwandter des skeptischen Abtes nämlich hat sich, lange vor dem CD-Wunder, eben dieser Kraft besonders erfolgreich bedient: Der Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck ist der Neffe von Abt Gregor Henckel Donnersmarck; während eines mehrmonatigen Aufenthalts in Heiligenkreuz schrieb er hier, in klösterlicher Klausur, das Drehbuch zu seinem später oscarprämierten Film "Das Leben der Anderen". Pater Karl, mit dem der Regisseur in dieser Zeit einen Fitnessraum für die Mönche einrichtete, schwärmt - wenn auch nicht ganz so innig wie für den Papst - noch immer von dem ungewöhnlichen Gast. Was vielleicht auch ein klein wenig daran liegen könnte, dass der ihm sogar einen Namensvetter ins Drehbuch geschrieben hat: Karl Wallner, einen "lieben Dissidenten". Nach der Oscarverleihung hat Florian Henckel von Donnersmarck die Zisterzienser, zum Dank für den Einblick in das Leben dieser Anderen, in ein eigens angemietetes Kino nach Wien eingeladen. Seither vermeldet auch die Kloster-Homepage das doch irgendwie mitverschuldete Ereignis - in angemessen würdevollem Latein: "Et Oscarius venit ad..."

Ungewöhnlich findet es hier übrigens niemand, dass die frommen Geistlichen in Heiligenkreuz nicht nur Digitalkameras mit sich herumtragen, sondern auch YouTube-Clips erstellen, fast alle einen Computer haben und fröhlich E-Mails und SMS versenden. Von so viel zeitgemäßer Offenheit überraschten Besuchern begegnet Pater Karl mit einem Zitat des heiligen Benedikt. Der nämlich hat schon im 6. Jahrhundert verfügt: "Jeder Mönch braucht Schreibzeug und Griffel." Alles Weitere, versichert der Pater verschmitzt, sei Auslegungssache.

Nur die Handyklingeltöne, die man sich seit dem Papstbesuch auf das Mobiltelefon herunterladen kann, die Gregorianik der Zisterzienser oder das klostereigene Glockenspiel, die fänden einige Mitbrüder dann doch recht stillos, gibt er zu. Wenn sein eigenes Handy klingelt - und das tut es in diesen Tagen häufig -, dann erklingt die Pfingsthymne "Veni Creator Spiritus", eine Anrufung des Heiligen Geistes. "Für manche Anrufe", sagt Pater Karl und lächelt, "ist das wirklich sehr sinnvoll."