Kunstmesse: Importierte Kunst trifft auf Bewohner einer Boom-Region

"Bedeutung lässt sich nicht kaufen"

Foto: Stannies

Zwei Hamburger Galerien sind bei der "Art Dubai" präsent. Dort hoffen 68 Anbieter auf potente Käufer moderner Kunst.

Dubai. Den Befehl "Alle Männer raus!" hat Harald Rüggeberg in seinen 35 Jahren als Galerist noch nie gehört. Einen Nachmittag lang sollten Frauen ungestört von Männerblicken über die Kunstmesse Art Dubai bummeln können. Erst hieß es, wenigstens Galeristen dürften an ihren Ständen bleiben. Doch weil ein weibliches Mitglied der Herrscherfamilie sich angekündigt hatte, musste auch der Mitgründer der Produzentengalerie das Gelände für einige Stunden verlassen.

Nicht die einzige ungewohnte Erfahrung für Rüggeberg, der zum ersten Mal in Dubai präsentiert. Blauer Himmel, sommerliche Temperaturen, Kaffeepausen unter Palmen und Diskussionsforen in einem klimatisierten Zelt am Strand bieten nicht viele Kunstmessen. Auch bescheidenes Wachstum ist in der Stadt mit dem welthöchsten Bauwerk und der größten künstlichen Insel nicht angesagt: Im zweiten Jahr hat die Art Dubai Ausstellungsfläche und Teilnehmerzahl fast verdoppelt. Aus 400 Bewerbern wurden 68 Galerien aus allen Erdteilen eingeladen, einen Stand zu bestücken. "Die Region boomt, und wir wollen uns ein eigenes Bild vom Markt hier unten machen", sagt Rüggeberg, der mit drei Mitarbeitern aus der Admiralitätstraße angereist ist, über das Experiment.

Am Stand B65 in den Konferenzsälen des noblen Madinat-Jumeirah-Hotels präsentieren sie eine Mischung aus jungen und etablierten Künstlern. Den Blickfang macht eine großformatige Fotoarbeit von Beate Gütschow, die anderen Wände belegen eine Textilarbeit der jungen Hamburger Künstlerin Ruth May und Bilder von Jonas Burgert, Thomas Scheibitz und Yesmin Akdeniz Graf. Fast übersieht man die Skulpturen von Henk Visch, die auf dem hellgrauen Teppichboden Platz genommen haben.

Konkrete Erwartungen an die Dubai-Premiere habe man nicht, gibt Tanja Maka zu. "Wir wissen nicht, ob wir viel verkaufen werden oder nur gemütlich Kaffee trinken und neue Kontakte knüpfen."

Der erste Verkauf, ein Werk von Thomas Schütte, ging an einen britischen Sammler, den man schon länger kennt. Ohnehin flanieren nur wenige Besucher in traditioneller arabischer Kleidung an den ersten Tagen durch die beiden Hallen. "Kontakt herzustellen ist schwierig", stellt Maka fest. Die Erfahrung der einheimischen Bevölkerung mit dem internationalen Kunstmarkt ist gering, deren Geschmack nicht unbedingt deckungsgleich mit dem, was professionelle Sammler aus Europa und den USA bevorzugen. Im vergangenen Jahr blieben manche Galerien auf den Werken ihrer im Westen begehrten Künstler sitzen. White Cube aus London hat auf eine Rückkehr verzichtet, andere Galerien setzen auf arabische, indische und asiatische Künstler. Zu den teuren Verkäufen des ersten Tags gehörte ein popartiges Gemälde des Inders Jitish Kallat, das für 100 000 Pfund an Charles Saatchi ging.

Solche Nachrichten würde die zweite auf der Art Dubai vertretene Hamburger Galerie auch gerne verkünden. Doch die komplexen, oft politisch inspirierten Werke, die Sfeir-Semler ausstellt, scheinen für das Publikum nicht knallig, poppig, gefällig genug. Die geforderten Preise machen beim hohen Euro-Wechselkurs die Sache nicht leichter. Zwischenbilanz nach zwei Ausstellungstagen: "Meine Euphorie und Neugier haben sich dieses Jahr relativiert", sagt Andree Sfeir-Semler. Immerhin sei die Messe diesmal wesentlich professioneller organisiert. "Transport, Aufbau, Hängung und Lichtsetzung - ist fast alles perfekt."

Zumindest technisch scheint Dubai in der Lage, in der Spitzenliga der Kunstmetropolen mitzuspielen. Derzeit konkurriert das Emirat noch um die kulturelle Vorherrschaft am Persischen Golf: In Katar eröffnet demnächst ein von I. M. Pei entworfenes Museum für islamische Kunst; Abu Dhabi profiliert sich durch eine Kulturinsel samt Filialen von Louvre und Guggenheim. Dubai steht dagegen für exzessiven Prunk und seichte Unterhaltung. Mit Projekten wie einem Opernhaus und der Art Dubai soll die Wüstenmetropole einen seriöseren Touch bekommen.

Der Ehrgeiz ist groß, aber noch könne die junge Messe mit den Branchentreffen in Basel, Miami, Paris, New York und London nicht mithalten, heißt es von den Ausstellern.

"Bedeutung lässt sich nicht kaufen, sondern kann nur mit der Zeit wachsen", formuliert es ein Galerist. Für solche bescheidenen Ansprüche fehlt im aufstrebenden Dubai aber wohl schlicht die Geduld. Vielleicht sollten die Organisatoren zumindest einige Extravaganzen überdenken. Denn die Hoheit, die Rüggeberg den überraschenden freien Nachmittag am Strand bescherte, ist einfach nicht erschienen.

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