Interview: Die Sopranistin Jessye Norman über Diven, Kritiken und das Älterwerden

"Warum sollte ich mit Dingen werfen?"

Ende Februar singt sie in Hamburg. Charakter beweist Jessye Norman auch im Gespräch.

London. Keine Audienz ohne Hofprotokoll. Die Fragen sollen vorab vorgelegt werden, wird verlautbart, persönliche Fragen dürfen ebenso wenig dabei sein wie jene, die sie 2005 für ein Filmporträt beantwortet hat und das vorab als Hausarbeit auf DVD abzuarbeiten sei. Sieht ganz so aus, als ob Jessye Norman viel daran gelegen ist, den Berichten über ihren Charakter gerecht werden zu wollen. Treffpunkt: ein mondänes Hotel im Londoner Stadtteil Knightsbridge. Gutbetuchte Araber in der Lobby, massig Nobelboutiquen in Fußweite, damit die Gattinnen ihre Kreditkarten standesgemäß glühen lassen können. Und in einer Suite wartet eine Frau, die viel weniger majestätisch wirkt als der in jahrzehntelanger Arbeit perfektionierte Bühnencharakter: Pullover und Rock statt Robe, Ballonmütze statt Abendfrisur. Die Diva hat dienstfrei und ist guter Laune. Die Augen, das kehlige Lachen, doch vor allem das bühnenreife Deklamieren wohlfeiler Sätze signalisieren aber immer wieder: My dear, ich kann auch anders.

ABENDBLATT: Waren bei den Fragen, die ich Ihnen geschickt habe, welche dabei, die sie sehr gelangweilt haben?

JESSYE NORMAN: O nein, das ging schon in Ordnung (lacht).

ABENDBLATT: Ist das Thema Lampenfieber noch eines für Sie - bekommen Sie es in den Griff, oder ist es Ihnen egal?

NORMAN: Wie kommen Sie darauf, dass ich das habe? Ich singe so gerne. Zehn Minuten vorher zu fühlen, dass ich JETZT auf die Bühne möchte - so geht es mir.

ABENDBLATT: Wenn Sie für etwas bekannt sind, dann dafür, mindestens 110 Prozent geben zu wollen. Wie oft gelingt das?

NORMAN: Na ja, ich gebe immer, was ich an einem Abend zu geben habe. Das ist nicht immer gleich.

ABENDBLATT: Bei einem Liederabend haben Sie nur wenige Minuten, um viele kleine Mini-dramen zu erzählen, bei einer Oper womöglich Stunden, um einen Charakter zu entwickeln. Was ist schwieriger?

NORMAN: Die Opernpartien, die ich singe, sind nicht ganz einfach. Aber wenn ich Schuberts "Erlkönig" singe, der viereinhalb Minuten dauert, muss ich genauso einen Bogen haben wie bei der Elisabeth im "Tannhäuser". Ich habe mehr Zeit, die Idee ist dieselbe.

ABENDBLATT: "I'm dying always", sollen Sie über Ihre Auftritte gesagt haben . . .

NORMAN: Das habe ich nie gesagt. Niemals! Ich soll so viel Angst vorm Auftreten haben?

ABENDBLATT: Ich hätte das so verstanden, dass Sie sich jedes Mal komplett verausgaben, so was von leer sind, dass Sie praktisch tot seien.

NORMAN: Ich bin so was von voll nach einem Konzert. Deshalb mache ich das - weil es mir eben so viel gibt.

ABENDBLATT: Einige Stimmen reifen, andere altern. Was ist Ihre Meinung dazu?

NORMAN: Wir sind alle verschieden. In einem New Yorker Jazzclub habe ich eine Sängerin gehört, von der ich nicht glauben konnte, dass sie 85 war. Ich habe sie gefragt, wie sie das macht, und sie meinte: "Solange ich atmen kann, kann ich auch singen, Darling." Das ist mein Mantra.

ABENDBLATT: Lesen Sie Kritiken?

NORMAN: Ich weiß, dass es sie gibt, aber ich brauche sie nicht zu lesen. Denn ich weiß ganz genau, was geschehen ist und was nicht.

ABENDBLATT: Und es gibt nicht die Neugier, mal zu kontrollieren, ob das außer Ihnen noch jemand bemerkt hat?

NORMAN: Vielleicht zwei Jahre später, aber nicht am nächsten Tag.

ABENDBLATT: Haben Sie im Laufe Ihrer Karriere alles erreicht, was Sie erreichen wollten?

NORMAN: Manchmal klappt nicht alles, aber ich habe so viel Glück in meinem Leben, ich kann das selber kaum glauben. Es gibt ein Lied von Edith Piaf: Ich bereue nichts. Das ist wirklich mein Mantra. Es gibt so viele Menschen, denen man ansieht, na, die wollen nicht zur Arbeit. Ich freue mich jedes Mal, dass ich meine Arbeit tun kann.

ABENDBLATT: In dem Filmporträt von 2005 bezeichneten Sie sich als Unterstützerin der Demokraten. 2008 haben Sie die Wahl: Obama oder Clinton . . .

NORMAN: Nicht nur, John Edwards ist ja auch noch dabei. Aber das ist schon fantastisch. Die ganze Welt beobachtet, wie wir das machen. Sieben Jahre lang haben wir gelitten. Jetzt wollen wir etwas anderes, und es wird interessant: Nimmt man dafür zum ersten Mal eine Frau, oder zum ersten Mal einen Afroamerikaner?

ABENDBLATT: Wer von den beiden hätte den Sieg verdient?

NORMAN: Das muss man sehen. Ich muss noch mehr von ihnen hören.

ABENDBLATT: Sehen Sie Ihre Kunst auch als politisch an?

NORMAN: Ich habe mein Leben, in dem ich mich für das engagiere, was in der Welt passiert, und dann habe ich meinen Beruf, wo ich auf der Bühne stehe und singe. Es gibt aber Orte, wo ich nicht singen würde. Ein Beispiel: Südafrika. Bevor Mandela freigelassen wurde, habe ich nie daran gedacht, dort aufzutreten. Inzwischen war ich dort. Ein anderer spezieller Ort: Salzburg, wo ich 25 Jahre lang gesungen habe. Die Karten dort sind . . . teuer. Ich habe Karajan gesagt, es gibt hier Leute, die das nicht bezahlen können, und dann haben wir oft auf dem Domplatz gesungen. Jeder, der das hören wollte, konnte da hin, und das finde ich richtig.

ABENDBLATT: Wie beurteilen Sie den aktuellen Zustand der Klassik-Branche?

NORMAN: Ich schließe die Augen und bete.

ABENDBLATT: So schlimm?

NORMAN: So schlimm.

ABENDBLATT: Was hat die Branche so verdorben - zu viel Geld oder zu wenig Qualität?

NORMAN: Schwer zu sagen. Ich glaube, zu wenig Interesse. Die Plattenfirmen sind nur noch Teile großer Konzerne, die wollen nur schwarze Zahlen.

ABENDBLATT: Sie sind in New York zum "living landmark" ernannt worden. Wie fühlt man sich, wenn man ein wandelndes Wahrzeichen ist?

NORMAN: Ich fand die Zeremonie sehr berührend. Meine Familie und ich haben gealbert, dass dann die Vögel tun, was Vögel so tun, und dass ich alle Menschen auf der Straße begrüßen würde: guten Tag, hallo, willkommen in New York.

ABENDBLATT: Macht Erfolg glücklich oder macht er einsam?

NORMAN: Einsamkeit kommt nach schlechten Planungen.

ABENDBLATT: Jessye Norman zu sein ist ein Sieben-Tage-Job, mindestens. Um Sie zu charakterisieren, sind mir drei Worte eingefallen: Respekt. Kontrolle. Disziplin.

NORMAN: Ich finde das sehr gut, danke.

ABENDBLATT: Das ist okay? Klingt alles sehr hart, oder?

NORMAN: Nicht, wenn man das für normal hält.

ABENDBLATT: Ich kann mir vorstellen, dass man Ihnen schon mal gesagt hat, Frau Norman, Sie sind ja eine nette Frau, aber manchmal sollen Sie fürchterlich schwierig sein.

NORMAN: Ja!? Wie meinen Sie das? Welche Anekdoten haben Sie denn parat?

ABENDBLATT: Das regelmäßige Bühnenwischen vor Auftritten.

NORMAN: Stimmt. Ich habe Allergien, das ist keine Diva-Behandlung, der Staub muss weg. Würden Sie jemanden zu sich einladen, ohne vorher für Ordnung zu sorgen?

ABENDBLATT: Dann: Bestimmte Mineralwassersorten.

NORMAN: Soll ich Wasser aus dem Hahn trinken, mit Chlor und so weiter? Ist das dumm oder Diven-Spielerei? O ja, Frau Norman will gut singen und gesund bleiben, sie ist wirklich schwierig . . .

ABENDBLATT: Ich wäre gern dabei, wenn Sie trotz allem versuchen freundlich zu bleiben.

NORMAN: Ich höre dann einfach nicht zu. Mittelmaß mag interessant sein, aber mich interessiert das überhaupt nicht.

ABENDBLATT: Haben Sie eine Lieblingslüge über sich? "Die Norman will immer nur die grünen M&Ms" oder so?

NORMAN: Ich esse gar keine M&Ms. Aber ich habe einmal etwas gelesen, was ich wirklich überhaupt nicht glauben konnte. Mein Bruder hatte mir davon erzählt. In diesem Artikel stand, dass in meinem Hotelzimmer japanische Zeichnungen aus dem 18. Jahrhundert hängen müssten, sonst könnte ich mich nicht dort aufhalten. Ich meinte dazu nur: Warum 18. Jahrhundert, die aus dem 16. sind viel interessanter. Noch etwas: Mein Vater war Versicherungsdirektor, und im Internet steht, er sei als Troubadour von Ort zu Ort gegangen. Wir haben uns mit der Familie beim Weihnachtsessen darüber amüsiert - wenn er überhaupt gesungen hat, dann hat er dieses Geheimnis wirklich gut für sich behalten. Wir haben alle immer gedacht, er war im Büro!

ABENDBLATT: Dann haben Sie ja jetzt einen Freifahrtschein. Jetzt können Sie sich bei Tourneen in aller Ruhe noch ganz anders anstellen und ganz andere Dinge wünschen.

NORMAN: Ein Freund hat mir einmal gesagt: Du brauchst noch mehr Allüren. Du bist noch viel zu einfach, und deswegen lügen die Leute immer.

ABENDBLATT: Wie wäre es mit ohnmächtig werden?

NORMAN: Das passt gar nicht.

ABENDBLATT: Oder mit Dingen werfen. Schon mal versucht?

NORMAN: Mhhhh . . . Nein. Aber warum sollte ich das?

ABENDBLATT: Zu warmes Hotelzimmer, oder es ist Mittwoch. Sie finden dann schon was.

NORMAN: Darüber muss ich nachdenken.

ABENDBLATT: Haben Sie Angst vor dem Alter?

NORMAN: Nein.

ABENDBLATT: Vor dem Tod?

NORMAN: Nein, der kommt sowieso.

ABENDBLATT: Na ja, das macht's auch nicht schöner.

NORMAN: Wenn man Glück hat, wird man älter.

ABENDBLATT: Und wenn man Pech hat, wird man ganz alt.

NORMAN: Ich habe immer gedacht, das kann nicht das Ende sein. Als ganz kleines Kind habe ich einen Baum umarmt und meinem Vater gesagt: Wenn ich wiederkomme, möchte ich ein Baum sein. Groß, schön und grün sein.

ABENDBLATT: Würden Sie mittlerweile als Sängerin wiederkommen wollen?

NORMAN: Lieber als Baum.