Redensarten: Ich sag mal . . .

Goethe! Setzen! Fünf!

"Wenn heute ein Kind schreiben würde wie Goethe, stünde es in Deutsch auf einer glatten Fünf." Sagt ein leibhaftiger Germanistik-Professor, Rudi Keller, in einem Streitgespräch über die Frage "Geht die deutsche Sprache vor die Hunde?", das von dem Magazin "GEO Wissen" veranstaltet und jetzt veröffentlicht worden ist. Denn: "Goethe hat sich keinen Deut um Standardisierung bemüht - weder in der Orthografie noch in der Grammatik. Er hat munter zwischen "Zucker" und "Zukker" oder "Mädchen" und "Mädgen" gewechselt. Und er konstruiert "wegen" mit dem Dativ." Goethe hat auch nicht säuberlich zwischen "als" und "wie" unterschieden, sondern (im "Faust" zum Beispiel) manchmal beides hingeschrieben: "Hatte sich ein Ränzlein angemäß't / Als wie der Doktor Luther."

"Große Literaten waren immer Sprachanarchisten", sekundiert in besagtem Streitgespräch der Mikrobiologe Professor Alexander S. Kekule und fügt hinzu: "Wir müssen es zulassen, dass Sprache bearbeitet wird. Nicht dirigistisch von oben, sondern als Bewegung auch von unten. Es ist doch wunderbar, wenn das Volk die Möglichkeit hat, etwas aus seiner Sprache zu machen."

Die Frage ist nur: was? Leser M. aus Paderborn, promovierter Altsprachler, schickt mir einen Hinweis auf die dortige "Party des Jahres" unter dem Motto: "Boom Chicka Wah Wah" und wüsste gern, was das heißt. Keine Ahnung, ist auch wurscht. Aber Spaß beiseite: Der Sprachwandel, den niemand aufhalten kann, hat etwas Anarchisches. Das wird den Schulmeistern aller Art nicht gefallen, die glauben, "unsere schöne deutsche Sprache" gehe vor die Hunde, weil deren Regeln nicht pünktlich beachtet werden. Dabei gibt es doch in der breiten Öffentlichkeit ein starkes Bedürfnis nach festen Regeln.

Das ist ein Ausdruck der Unsicherheit, denn die deutsche Sprache hat nur vier Fälle, aber viele Zweifelsfälle. Sprachbewusste Menschen schreckt der anarchische Sprachwandel nicht. Sie gehen damit um. Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner zum Beispiel, Journalist, findet es "stillos, eine orthografisch korrekte SMS zu verschicken. Das ist ein schnelles Medium. Die Nachrichten entstehen aus dem Moment. Das macht ihren Charme aus."

Mehr Vertrauen in die Kraft unserer Muttersprache täte uns gut. Noch mal Goethe (der sich über die Eindeutschungsfanatiker seiner Zeit geärgert hatte): Die Gewalt einer Sprache sei eben nicht, dass sie das Fremde abweise, sondern dass sie es verschlinge.