Ausstellungsabsage: Schon 300 000 Euro Schaden für das Völkerkundemuseum

Das chinesische Mauern

"Herausfinden, was los ist." Das sagen alle Beteiligten zur blockierten Ausreise für die Tonkrieger.

Hamburg. Die Gründe für die überraschende Absage der Ausstellung "Macht im Tod - Die Terrakotta-Armee des Ersten Kaisers von China", die ursprünglich am kommenden Sonntag im Museum für Völkerkunde eröffnet werden sollte, werden immer noch nicht offiziell benannt. Yolna Grimm, der Pressesprecher der für die Organisation zuständigen Firma Center of Chinese Art and Culture (CCAC), gab sich gegenüber dem Abendblatt gestern wortkarg: "Es gibt keinen neuen Sachstand. Mehr kann ich dazu nicht sagen."

Bei der feierlichen Grundsteinlegung zu einem chinesischen Teehaus in unmittelbarer Nachbarschaft des Museums war die Ausstellungsabsage Gesprächsthema Nummer eins (s. auch Seite 14). Bürgermeister Ole von Beust sagte am Rande der Zeremonie: "Ich kenne keine Gründe." Die im Abendblatt von Insidern geäußerten Einschätzungen, die Ausfuhrgenehmigung für die Objekte werde von der Provinzregierung in Xian aus Verärgerung über den Auftritt des Dalai Lama in Hamburg oder dessen Empfang durch die Kanzlerin verweigert, bezeichnete er als "reine Spekulation".

Gegenüber der "Tagesschau" räumte von Beust gleichwohl ein, dass chinesische Stellen protestiert hatten, nachdem er den Dalai Lama im Juli im Hamburger Rathaus empfangen hatte. "Aber davon lassen wir uns nicht beeindrucken. Das gehört zur Freundschaft dazu, dass man solche Zeiten durchsteht", sagte von Beust.

Auch Ma Jinsheng, Chinas gleichfalls bei der Grundsteinlegung anwesender Generalkonsul in Hamburg, konnte keine Auskunft über die Gründe für das Ausbleiben der Tonkrieger nennen. "Ich werde mich bemühen herauszufinden, was da los ist", sagte der Diplomat, der sich dafür einsetzen will, dass die Ausstellung doch noch nach Hamburg kommt.

Für das Museum für Völkerkunde bringt die durch das chinesische Mauern erzwungene Absage der Schau indes große Probleme mit sich - und zwar in organisatorischer wie in finanzieller Hinsicht. Geschäftsführer Thorsten Pück sprach von einem finanziellen Verlust von insgesamt mindestens 300 000 Euro.

"Wir haben pro Monat mit etwa 30 000 Besuchern gerechnet, zumal die Schau wirklich spektakulär geworden wäre. Oktober und November sind außerdem für uns die wichtigsten und besucherstärksten Monate. Natürlich können wir so kurzfristig keine alternative Ausstellung anbieten", sagt Pück, der jedoch inzwischen hofft, dass sich die Lage wieder entspannt und die Objekte doch noch relativ schnell nach Hamburg gelangen können.

Doch selbst wenn die Behörden in Xian nach dieser demonstrativen Blockade ein Einsehen hätten und die Signale jetzt schnell wieder auf Grün gestellt würden, könnte die Ausstellung schon aus logistischen Gründen nicht von heute auf morgen eröffnet werden.

Museumsdirektor Wulf Köpke meint dazu: "Der früheste vorstellbare Termin wäre jetzt der 25. November. Doch zu diesem Zeitpunkt findet bei uns der traditionelle Markt der Völker statt. Eine große Eröffnung, wie wir sie für den kommenden Sonntag geplant hatten, wird dann schon aus räumlichen Gründen nicht möglich sein."

Von außen betrachtet, scheint aber noch alles seinen gewohnten Gang zu gehen. Gestern Nachmittag waren Handwerker im Museumsgebäude an der Rothenbaumchaussee damit beschäftigt, die aufwendige Ausstellungsarchitektur fertigzustellen. In den mit chinesischen Schriftzeichen und Fotografien ausgestatteten Räumen stehen bereits zahlreiche Kopien und Modelle. Alles wirkt schon so komplett wie kurz vor einer Ausstellungseröffnung - nur die acht mannshohen quadratischen Glasvitrinen, die die originalen Tonkrieger-Figuren aufnehmen sollten, sowie die Vitrinen für 60 bis 70 weitere Originalobjekte sind noch leer.

Auch für das Markleeberger CCAC bringt die Absage der Ausstellung, die in Public Private Partnership realisiert werden sollte, erhebliche Probleme mit sich: Als Organisator ist die Firma in finanzielle Vorleistung getreten.

Mehr Glück hatte das Britische Museum in London, dort wurde bereits am 13. September die größte Ausstellung mit Originalen der berühmten Terrakotta-Armee eröffnet, die jemals außerhalb von China zu sehen war. In dem berühmten Lesesaal, in dem Karl Marx "Das Kapital" verfasst hat, haben die Chinesen ihr kulturelles Kapital in bislang ungekannter Opulenz versammelt: Neben Hunderten weiterer Originalobjekte sind dort gleich 20 lebensgroße Terrakottafiguren zu sehen. Der Publikumsandrang ist enorm: Schon jetzt hat das Britische Museum mehr als 250 000 Karten verkauft.