Biografie: Ein atemloses, kurzes, nahezu unbekanntes Künstlerleben

Eva Hesse? Wer ist Eva Hesse?

Der Hamburger Journalist Michael Jürgs hat eine neue Biografie verfasst: Innerhalb von nur drei Monaten schrieb er über die jüdische Künstlerin, die in Eppendorf geboren wurde - "eine Art Wiedergutmachung aus der Isestraße".

Hamburg. Michael Jürgs hat Tempo drauf. Er redet so schnell, dass die Arme beim Gestikulieren kaum mitkommen. Wenn dieser Mann sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann wird er es vorantreiben. So lange, bis alles gesagt ist. Alles geschrieben ist. Geprüft, korrigiert, redigiert.

"Andere nennen es getrieben. Ich nenne es ruhelos", sagt er. Lässt die Hände auf den Tisch sinken und macht eine kurze Atempause. Sein jüngstes Buch "Eine berührbare Frau" hat er in gut drei Monaten zu Papier gebracht. Er gibt sich selbst das Tempo vor: Jeden Tag wird geschrieben, mindestens drei bis vier DIN-A4-Seiten.

Diesmal hat Jürgs direkt vor der Haustür recherchiert. Zumindest begann dort der lange Weg der Annäherung an Eva Hesse. Über ihren Namen stolperte er, als er in einem Band über berühmte Frauen blätterte. Eva Hesse? Wer ist Eva Hesse?

Eva Hesse ist schon lange tot. Die bildende Künstlerin starb 1970 an einem Hirntumor. Mit 34 Jahren. In New York. Im Memorial Hospital, First Avenue. Ihr langjähriger Wegbegleiter und guter Freund, der an diesem Ostersonntag gestorbene Künstler Sol LeWitt, hat es so formuliert: "Sie starb unvollendet und vollendet zugleich. Wie Schubert und Mozart." Michael Jürgs hat Sol LeWitt in Amerika besucht, und wenn er von ihm spricht, schwingt großer Respekt mit für diesen Mann, der so uneitel, so konzentriert und klar auf ihn wirkte, der, obwohl selber schwer krank, Rede und Antwort stand, um bei der Entstehung eines Buches zu helfen, das jener Frau gewidmet ist, die LeWitt, der heute hochberühmte Konzeptkünstler, lange geliebt hat, aber nie zur Partnerin gewinnen konnte.

Viele Männer waren in Eva Hesse verliebt. Ob sie sie geliebt haben? "Vielleicht", sage ich zu Michael Jürgs, "hat sich zu Eva Hesses Lebzeiten nie ein Mann so intensiv mit ihr beschäftigt, wie Sie es getan haben." Er trinkt zügig, einen großen Schluck Apfelschorle. Stellt das Glas entschlossen hin und sagt: "Es klingt vielleicht komisch. Aber vielleicht ist es eine Art Wiedergutmachung aus der Isestraße."

Hier, in der Isestraße in Hamburg-Eppendorf, begann Eva Hesses Leben. Hier wohnte die jüdische Familie. "Mein Vater war Strafverteidiger, und meine Mutter war die schönste Mutter der Welt. Sie sah aus wie Ingrid Bergman, und sie war depressiv", so fasste es Eva Hesse in ihrem letzten Interview, wenige Wochen vor ihrem Tod, zusammen.

Und hier, in der Isestraße, wohnt heute der 61 Jahre alte Michael Jürgs. Nur ein paar Häuser weiter. Wäre Hitler nicht gewesen, hätte er vielleicht Mitglieder der Familie Hesse - oder deren Nachfahren - kennengelernt. Auf der Straße, sozusagen. Beim Bummeln über den Isemarkt, vielleicht.

Als Jürgs sich aufmacht, um Eva Hesses Spuren zu erkunden, ist die Schwester Helen Charash die einzige Überlebende von den vier Familienmitgliedern. Die Mutter stürzte sich 1946 in New York vom Dach eines 18-stöckigen Hochhauses. Ihre Kinder erfuhren davon in der Schule. Eltern von Klassenkameraden hatten es in der Zeitung gelesen. Der Vater starb 1966, im selben Jahr, in dem Eva Hesse von ihrem Mann, dem Bildhauer Tom Doyle, verlassen wurde. Weitere Angehörige gibt es nicht. Sie wurden Opfer des Holocaust.

Eva Hesse muss aus Hamburg fliehen, als sie noch keine drei Jahre alt ist. Mit ihrer fünfjährigen Schwester steigt sie am 12. Dezember 1938 in einen Zug Richtung Holland. Der Bahnhof Altona wimmelt von NS-Uniformierten. Die Eltern bleiben auf dem Bahnsteig zurück.

Michael Jürgs wühlt sich durch sämtliche Tagebücher. Recherchiert im Staatsarchiv. Fährt quer durch Deutschland, nach Holland, Woodstock, Kanada und Kalifornien und, vor allem, nach New York, spricht mit Freundinnen, Weggefährten, ehemaligen Liebhabern.

Hier, in New York, lebten die Eltern mit ihren Töchtern im Exil. Hier hat Eva Hesse den größten Teil ihres Lebens verbracht, wilde Künstlerpartys gefeiert, eine schwierige Ehe durchlebt, oder, sagen wir besser, durchlitten, regelmäßig ihren Psychiater aufgesucht und sich oft gefragt, wovon sie die nächste Miete bezahlen soll. Vor allem hat sie hier, in der Stadt, die niemals schläft, Kunst erschaffen, ein Werk hinterlassen, das heute höchste Anerkennung erfährt. Für Millionen auf Auktionen gehandelt wird. In den großen Museen dieser Welt ausgestellt wird.

Wenngleich sie in Deutschland der breiten Öffentlichkeit immer noch nicht so bekannt ist, wie es ihrem Werk gebühren würde. Deshalb hat Michael Jürgs dieses Buch geschrieben, er, der sich ursprünglich gefragt hatte: Wer ist Eva Hesse? Es ist ein sehr emotionales Buch geworden, auch wenn der Tonfall eher sachlich bleibt. Manchmal scheint es, als hätte Jürgs sich in die Zeit zurückversetzt und wie ein heimlicher Beobachter an Eva Hesses Leben teilgenommen.

Wie sehr er diese Nähe empfunden haben muss, zeigt sich allerspätestens in den letzten Zeilen des Buches. Dort steht er am Grab der Künstlerin. Legt einen Kieselstein aufs Grab. Und schreibt diesen Satz: "Sie soll wissen, dass ich sie besucht habe. Falls wir uns irgendwann dann mal treffen sollten - es muss ja nicht unbedingt bald sein -, werde ich ihr vorlesen, was ich über sie aufgeschrieben habe."

"Ja", sagt Jürgs, "während der Recherchen ist es so, als ob ich mit der Person leben würde. Egal, ob ich spazieren gehe oder Tennis spiele, die Person lebt mit mir."

Gut, dass Eva Hesse, kurz bevor sie starb, noch eine Ahnung erhaschte davon, dass man nun endlich in der Öffentlichkeit deutlich von ihrem Werk, in dem sie mit Materialien wie Fiberglas, Latex und Fundstücken experimentierte, Kenntnis genommen hatte. Ihr ganzes Künstlerleben lang hatte sie heftig darum gekämpft, als Frau anerkannt zu werden wie die Männer. Das war in den 60er-Jahren noch längst nicht selbstverständlich. Heute auch nicht immer.

Die Männer in der Kunstszene damals, sagt Michael Jürgs, hatten einen stehenden Spruch drauf für Frauen: Sie seien dafür da, zu kochen und gefickt zu werden - "to cook and to be fucked". Jürgs hat ihn mit Absicht gleich zu Anfang in sein Buch geschrieben, diesen Satz. Denn: "Diesen Spruch, eine stehende Redensart, hatte Eva Hesse von vielen ach so sensiblen Künstlern gehört, wenn ihnen auf Atelierfesten oder bei Vernissagen ein paar Gläser Whisky die Zunge gelöst hatten."

Eva Hesse hat Zeit ihres Lebens immer wieder betont, was ihr Hauptproblem sei: schreckliche Verlustangst. "Mich kann man leicht glücklich und leicht traurig machen, weil ich schon so viel durchgestanden habe." Weil ihr Leben von traumatischen Erlebnissen geprägt war. Ein Leben, das Michael Jürgs "atemlos" nennt.

Und das vielleicht nicht so früh hätte enden müssen, wenn die Künstlerin früher zum Neurologen geschickt worden wäre. Einfach nur, um die Frage zu klären, woher ihre heftigen Kopfschmerzen kamen.