Abreiß-Kalender: Über den Wert guter Architektur und städtebauliche Realsatire

Die hässliche Seite Deutschlands

Urbanistin Turit Fröbe sammelte Bausünden - und fordert jetzt eine architektonische Früherziehung.

Hamburg. "Dich will ich loben: Hässliches,/ du hast so was Verlässliches" , dichtete der Satiriker Robert Gernhardt. Die deutsche Fußgängerzone ist da ein gutes Beispiel. Wo man auch hinkommt, sie ist immer schon da - und als ästhetische Herausforderung ein beliebtes Fotomotiv von Turit Fröbe: "Weg damit" heißt der Abreiß-Kalender der resoluten Architekturhistorikerin, der seinen Auftrag wörtlich nimmt. 365 Seiten (Carlsen Verlag, 14,90 Euro ) zum Abreißen - auf denen 365 abreißwürdige Bausünden zu sehen sind. Viereinhalb Jahre ist die Urbanistin mit der Kamera durch die Republik gezogen, entstanden ist ein "Konvolut städtebaulicher Realsatire". Ein offenes Gespräch über die hässliche Seite Deutschlands und den Wunsch nach einer optischen Generalüberholung.

ABENDBLATT: Wenn man so ein Projekt über mehrere Jahre durchführt, verändert das vermutlich den Blick. Sehen Sie überall nur noch Tristesse?

TURIT FRÖBE: Es hat den Blick extrem verändert. Eine Zeit lang hatte ich schon eine stark selektive Wahrnehmung. Aber ich bin ja Architekturhistorikerin und gucke mir also sowieso Gebäude an. Ich kann gar nicht anders. Ich nehme wahr, ich kategorisiere, ich bewerte. Ich kann inzwischen gute Bausünden von schlechten Bausünden unterscheiden.

ABENDBLATT: Was ist denn eine "gute Bausünde"?

FRÖBE: Eine originelle Verfehlung, bei der ein gewisser Gestaltungswille erkennbar ist. Wo jemand etwas erreichen wollte. Das kann im Einheitsbrei der Städte eine Chance bedeuten. Gute Bausünden sind fast genauso schwer zu finden wie gute Architektur.

ABENDBLATT: In welcher Stadt haben Sie angefangen?

FRÖBE: Die Idee kam mir in Bielefeld. Da hab ich gleich am ersten Wochenende 50 Bilder zusammengehabt und gedacht: Toll, morgen fahr ich nach Hannover, und nächste Woche bin ich fertig. Dann hab ich in Hannover nur noch fünf oder sechs Bilder gefunden, weil da irgendwie das gleiche herumstand wie in Bielefeld. Und in Hamburg stand dann wieder derselbe Krempel wie in Hannover und Bielefeld. Das sind die eigentlichen Bausünden, die selbst im Kalender farblos und langweilig wirken, weil sie nicht entschlossen sind. Durchschnitt und Mittelmaß. Es ist unmöglich, dazu eine Haltung zu entwickeln.

ABENDBLATT: Kaufhaus-Ketten und Discounter kommen bei Ihnen ja nicht so gut weg. Was war das Schlimmste?

FRÖBE: Es gibt eine Faustregel: Die hässlichsten Gebäude am Platz sind von Spielhallen besetzt. Und von Parkhäusern natürlich. Da waren in den 60er- und 70er-Jahren der Fantasie keine Grenzen gesetzt, da haben sich die Architekten wirklich ausgetobt. Schlimm sind tote Fassaden im Allgemeinen. Wenn die Erdgeschoss-Zonen der Innenstädte keine Abwechslung bieten, keinen Rhythmus.

ABENDBLATT: Wo ist Deutschland am hässlichsten?

FRÖBE: Bremerhaven. Diese Stadt ist architektonisch so lieblos und so mittelmäßig, dass ich Mühe hatte, einzelne Bausünden zu finden, weil das Gesamtbild so hässlich ist. Mir ist dort regelrecht die Lust vergangen zu fotografieren.

ABENDBLATT: Erkennen wir die Qualität vermeintlicher Bausünden nicht vielleicht erst in ein paar Jahren?

FRÖBE: Ja, das kann gut sein. Architektur ist immer auch eine Modeerscheinung. Die 70er-Jahre beginnen zum Beispiel wieder eine Wertschätzung zu erfahren. Die Entwürfe werden monumentaler, plastischer. Gut möglich, dass wir uns irgendwann auch wieder darum reißen werden, in der Platte zu wohnen.

ABENDBLATT: Muss man zur Wahrnehmung gelungener Architektur erzogen werden?

FRÖBE: Unbedingt! Es gibt in Deutschland so gut wie kein Bewusstsein für Baukultur. Es müsste eigentlich schon in der Grundschule eine Früherziehung beginnen. Dieser Kalender ist ein Versuch, humorvoll darauf aufmerksam zu machen, was hier alles so rumsteht. Er gibt der städtebaulichen Realsatire ein Forum, und insgeheim hoffe ich natürlich, einen Anstoß dafür zu geben, dass sich die Menschen künftig architektonisch nicht mehr alles gefallen lassen.

ABENDBLATT: Sollten die Bürger ganz direkt über die Gestaltung öffentlicher Plätze und Gebäude mitentscheiden?

FRÖBE: Das fänd' ich wunderbar. Das Problem ist nur, dass es gar nicht so einfach ist, die Bürger dazu zu bewegen, sich an der Gestaltung ihres Lebensumfeldes zu beteiligen. Auch dafür muss erst mal ein Bewusstsein entstehen.

ABENDBLATT: Gibt es denn ein verklemmtes Verhältnis der Politik zur Architektur der Gegenwart, wie der Architekt Jörg Friedrich kürzlich im Abendblatt behauptete?

FRÖBE: Absolut. Das zeigt sich besonders deutlich in der Berliner Stadtschloss-Debatte. Hier ist nicht einmal versucht worden, im Rahmen eines Wettbewerbes eine adäquate moderne Form für diesen prominenten Platz zu finden. Stattdessen entschließt man sich zu einer "Fake-Architektur". Das ist eine Katastrophe.

ABENDBLATT: Haben Sie jüngst die Debatte um die Bebauung des Hamburger Domplatzes verfolgt?

FRÖBE: Etwas. Das ist ja zum Glück verhindert worden.

ABENDBLATT: Zum Glück?

FRÖBE: Diesen Glas-Entwurf fand ich, ehrlich gesagt, ganz schön beliebig. Aber eigentlich kann ich wenig dazu sagen, weil ich die Geschichte eben nur am Rande verfolgt habe.

ABENDBLATT: Architekten, die beruflich das städtebauliche Wagnis fordern, wohnen privat oft gern im Altbau. Werden sie zu Recht dafür kritisiert?

FRÖBE: Schon, ja. Ich finde eigentlich, dass Architekten und Investoren täglich zumindest auf die Werke gucken sollten, die sie uns so hinstellen - das würde vielleicht wirklich etwas verändern!

ABENDBLATT: Wie wohnen Sie?

FRÖBE: (lacht) Im Altbau. Aber ich bin ja auch keine Architektin, sondern Architekturhistorikerin, ich darf das.

ABENDBLATT: Hamburg ist nach Bielefeld und Halle Spitzenreiter in Ihrem Kalender. Finden Sie Hamburg etwa hässlich?

FRÖBE: Überhaupt nicht! Die Bildauswahl ist sehr, sehr ungerecht, das gebe ich sofort zu. In München zum Beispiel hatte ich nur einen Tag zum Fotografieren, in Hamburg habe ich neun Jahre gewohnt. Ich hatte einfach mehr Zeit, um nach Bausünden zu suchen. Aber eigentlich ist Hamburg eine wunderschöne Stadt.