Uraufführung: Hochhuths "Heil Hitler!" in der Berliner Akademie der Künste

Verrückt nach Adolf

Darf man über Hitler lachen? In Rolf Hochhuths Tragikomödie kann man es jedenfalls, sogar mehrfach. Die Premiere überraschte angenehm.

Berlin. Warum Rolf Hochhuth am Ende nicht auf die Bühne kam, weiß man nicht - anwesend war er, in der Pause hatte man ihn, etwas verloren wirkend, am Büchertisch gesichtet. Möglicherweise ist Hochhuth mal wieder mit der Regie nicht einverstanden gewesen. Wie sooft in seinem Dramatiker-Leben. Aber auch dieses Mal gilt: Die Anstrengungen der Theaterleute haben seiner jüngsten "Tragikomödie" eher aufgeholfen. Vor allem dank des fulminanten Einsatzes der "Bolschewistischen Kurkapelle" mit ihrem krachenden Uff-ta-ta.

Nein, Hochhuths "Heil Hitler!" hat bei der Uraufführung in der Berliner Akademie der Künste keinen Skandal gemacht. Trotz des vorangegangenen Streits um das in Wahrheit eher harmlose Plakat, das Klaus Staeck beisteuerte und das in den Berliner U-Bahnhöfen angeblich nicht hängen durfte, und trotz der allgemeinen Aufregung um die Frage, ob man in Deutschland über Adolf Hitler lachen dürfe oder nicht.

Hochhuths Stück kommt im Kielwasser von Walter Moers' Comic "Der Bonker" und Dani Levys Komödie "Der Führer" daher. Der Inhalt ist schnell erzählt. Ein junger Mann ruft dauernd "Heil Hitler!", um seiner Einberufung zu entgehen und seinen Vater zu rächen, den die Nazis ins KZ verschleppt und umgebracht haben. Er wird prompt ins Irrenhaus eingeliefert und stellt die Nervenärzte vor ein großes Problem: Wie soll man mit dieser sichtlich ungesunden Begeisterung umgehen?

Die Aufführung steht und fällt mit dem brillanten Ludwig Blochberger (Till), den man gerade in dem Kinofilm "Das Leben der Anderen" erleben konnte. Wenn Blochberger brüllt "In unserem Luftschutzkeller fehlt ein Führerbild! Sonst sitzt man da im Keller und weiß nicht mal, wem man das zu verdanken hat!" und dabei seinem Blockwart an die Kehle geht, ist das umwerfend komisch.

"Heil Hitler!" hätte denn auch eine richtig gute Farce werden können, wenn Hochhuth darauf verzichtet hätte, politisch korrekt sein zu wollen. Die Verknüpfung mit dem Schicksal des gemütskranken jüdischen Lyrikers Jakob van Hoddis (bürgerlich: Hans Davidsohn), den die Nazis 1942 tatsächlich aus einer Nervenheilanstalt deportierten, tut seinem Stück nicht gut. Es verliert mit der veränderten Tonart plötzlich den radikalen Schwung, Betroffenheit wird vorgegeben, nicht erzeugt.

Andererseits war nichts anderes von Hochhuth zu erwarten. In die Diskussion um Levys Film hatte er sich ja mit der Bemerkung eingemischt, er finde es fatal, dass in diesem Film der Eindruck erweckt werde, Hitler habe die Juden gar nicht ermorden wollen. Im selben Atemzug hatte Hochhuth auch noch Oliver Hirschbiegels Film "Der Untergang" massiv kritisiert: Darin habe man zwar den Tod der Goebbels-Kinder gezeigt, dabei aber unterschlagen, dass diesem Ereignis die Ermordung von Millionen jüdischer Kinder vorangegangen sei. "Die Verklärung Hitlers und der Hitlerzeit", so der Dramatiker aufgebracht, "ist besonders für die, die sie erlebt haben, äußerst schmerzlich und lässt für die Zukunft das Schlimmste befürchten".

Eigentlich hätte "Heil Hitler!" bereits am 1. April 2006 im Deutschen Nationaltheater Weimar zur Uraufführung kommen sollen - pünktlich zu Hochhuths 75. Geburtstag. Nach einer Terminverschiebung auf Juni zog Hochhuth sein Stück zurück. Grund: Regisseur Michael Simon hatte den Blockwart von einer Frau spielen lassen wollen, aber das passte dem Autor nicht. Er glaubte darin - wie sooft in seinem Leben - eine Geschichtsfälschung zu erkennen. Tatsächlich, so Hochhuth, seien die Mörder des Dritten Reiches aber fast ausnahmslos Männer gewesen.

In Berlin hat nun Lutz Blochberger Regie geführt, ein frei arbeitender Theatermacher, den Hochhuth aus Brandenburg kennt. Dort ist 2004 sein Drama "McKinsey kommt" uraufgeführt worden, und an dieser Uraufführung haben Blochberger und sein Sohn Ludwig als Schauspieler mitgewirkt.

Der Applaus für Blochbergers "Heil Hitler!"-Inszenierung ist am Wochenende überaus freundlich ausgefallen. Daran kann es also nicht gelegen haben, dass Hochhuth sich dem Publikum nicht zeigte.