Stehplätze: Für zwei Euro in die Oper - nur in Wien und Düsseldorf möglich

Vom Reiz der billigen Plätze

Rolf Liebermann bot Karten für vier Mark an. Hamburgs Kulturbehörde passte das nicht, sie erhöhte die Preise um 150 Prozent.

Hamburg. Christoph Lieben-Seutter, designierter Intendant der Elbphilharmonie, möchte den Bau auf dem Kaispeicher A nicht nur zu den zehn besten Konzerthäusern der Welt machen, sondern in Hamburg auch ein neues Publikum heranziehen. Dabei verwies er unlängst im "Kulturklub HH" auf das Beispiel Wien. Nicht ohne Bedauern merkte er an, dass ihm hier keine Stehplätze für zwei Euro wie in der Wiener Staatsoper zur Verfügung stünden.

Dieses Beispiel der europäischen Musikhauptstadt hat kaum Schule gemacht. Die Staatsoper am Ring pflegt ihr Publikum wie kein zweites Haus in der Opernwelt. Von den 2276 Plätzen des Hauses sind 587 als Stehplätze ausgewiesen. Ein Teil davon in allerbester Lage, nämlich im Parkett direkt unter den Mittellogen. Dort beträgt der Eintritt 3,50 Euro; auf dem Balkon und der Galerie zwei Euro. Eine Stunde vor Beginn werden diese Karten verkauft.

Diese Stehplätze sind bei Besuchern jeder Altersgruppe beliebt - und haben eine schon legendäre Stammkundschaft, die als gnadenlos gilt. Missfallen wird besonders laut und direkt kundgetan, wie man sich auch beim spontanen Beifall keinesfalls zurückhält. Ihre "Bibel" ist "Der neue Merker" - die einzige Opernzeitschrift der Welt, die elfmal im Jahr erscheint und jede Aufführung rezensiert, nicht nur die Neuinszenierungen.

Nicht zu zählen ist die Schar jener Experten, die auf diesen Stehplätzen von Musik im Allgemeinen und vom Opern-Virus im Besonderen fürs Leben angesteckt wurden, ob sie nun Georg Kreisler heißen oder Marcel Prawy. Der bezeichnete schon früh seinen Stehplatz als seinen "wahren Wohnsitz", und in den Pausen kommentierte er dort das Geschehen so eindrucksvoll, dass er regelmäßig Zuhörer um sich fand. Die Plaudereien über Musik machte er später im Fernsehen zu seinem Beruf, und schließlich wurde er Chefdramaturg des Hauses . . .

Die Devise "Theater für alle" ist so alt wie das Theater selbst. Richard Wagner dachte sie am konsequentesten, als er seine Festspiele für jedermann zum Nulltarif plante in einem Haus, das danach wieder abgerissen werden sollte. Weder das eine noch das andere war bekanntlich durchzusetzen.

Zu jener Zeit gab es in Deutschland gut drei Dutzend Hof- und an die 100 Stadttheater. Die Hoftheater, meist aus der "Zivilliste" der Throninhaber unterhalten, bestanden aus Logen, die fest an die Blut- und Geldaristrokatie vermietet wurden. Im Parkett gab es Abonnementssitze für Beamte und Bürgertum, in den oberen Rängen drängte sich Jugend und manchmal auch "Volk". In den Stadttheatern hingegen waren Hof und Adel schwächer vertreten. Diese Bühnen wurden an Direktoren verpachtet, die auf eigenes Risiko wirtschafteten. Die Übernahme der Trägerschaften durch die Kommunen (wie auch ihre Subventionierung) setzte erst nach 1900 ein.

Wie auch immer die Organisationsform war: Die "billigen" Plätze waren ein Muss für jedes Haus. Wie man mit ihnen umging, welche Qualität man ihnen gab - das Beispiel Wien ist die absolute Ausnahme -, das lag und liegt an den Bauherren beziehungsweise den Kommunen. Die Deutsche Oper am Rhein in Düsseldorf beispielsweise hat 90 Stehplätze zum Preis von zwei Euro. Die Kölner Philharmonie, am ehesten mit der Elbphilharmonie zu vergleichen, bietet 16 à fünf Euro an.

Hamburg ging auch hier mit einem besonderen Beispiel voran: Nachdem Rolf Liebermann zu seiner zweiten Intendanz (1985-88) aus Paris ins Haus an der Dammtorstraße zurückgekehrt war, bot er den dritten Rang für den Einheitspreis von acht und den vierten für vier Mark an. "Ein Opernbesuch sollte nicht mehr kosten als eine Kinokarte", lautete sein Argument. Die Kulturbehörde indes hatte dafür keinerlei Verständnis. Sie sorgte im Aufsichtsrat dafür, dass diese Preise bald um 150 Prozent erhöht wurden.

Dabei hat der "Olymp" auch hier Tradition. Die Hörplätze hinter den obersten Reihen im alten Stadttheater waren von jeher bevölkert von musikbegeisterten Enthusiasten, die - im matten Schein der Türbeleuchtung nicht selten in die Klavierauszüge oder gar Partituren vertieft waren. Das Geschehen auf der für sie nicht einzusehenden Bühne konnten sie ohnehin nicht verfolgen. Jetzt ist der "Olymp" geteilt in sichtbehinderte und reine Hörplätze. Der billigste kostet vier Euro.

Auch die Musikhalle hatte im zweiten Rang auf den Stehplätzen, von denen allenfalls die beiden Proszeniumslogen über dem Podium zu sehen waren, ihr Stammpublikum. Aber das hat sich seit einigen Jahren, als die Karten immer teurer und die Zuhörer immer weniger wurden, geändert.

In den 80er-Jahren noch stand ich für einen Benedetti-Soloabend zwei Stunden lang vor der Kasse, um einen Platz im zweiten Rang zu ergattern. Der war sichtbehindert. Ich stellte mich also auf den Absatz vor einer Säule und blieb dort weitere zwei Stunden stehen, Pause inklusive, damit kein anderer sich darauf niederließ. Heute kaufen Laeiszhallen-Profis sich die billigste Kategorie, gehen in den meist leeren zweiten Rang und spähen aus, wo im Parkett noch Plätze frei sind. Kurz vor Türesschluss stürzen sie dann nach unten. Man merkt es, wenn es mit dem Erlöschen der Beleuchtung noch einmal unruhig wird im Saal. Den Machern der Elbphilharmonie sollte derlei zu denken geben.