Im Rausch der Rache

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Peter Kruse

Kriegsgräuel 1945 Erstmals geben russische Geheimarchive preis, wie deutsche Frauen von Rotarmisten misshandelt wurden. Es war alles noch viel schlimmer, als bisher bekannt, schreibt der britische Historiker Antony Beevor in einem neuen Buch.

Hamburg. "Wie es nun einmal ist und immer sein wird, solange das Wesen des Menschen gleich bleibt: In Frieden und Wohlstand leben Menschen nach besseren Grundsätzen. Der Krieg aber, der die Annehmlichkeiten raubt, ist ein harter Lehrmeister und gleicht die Leidenschaften der Menschen den Gegebenheiten des Augenblicks an. Es wüten Zwietracht und maßlose Rache . . ." Thukydides, Athener Chronist des Peloponnesischen Krieges In Deutschland leben Männer und Frauen, die niemals ein Wort über ihre Väter hörten, weil ihre Mütter vor Scham geschwiegen haben. Sie sind Geschöpfe einer dunklen Vergangenheit, sie wurden zwischen Januar und Mai 1945 in einem Rausch grausamer Rache gezeugt und in eine Welt der Zerstörung hineingeboren. Sie sind heute 56 und 57 Jahre alt, und sie wissen nicht, dass sie halbe Russen sind, Kinder vergewaltigter Frauen. 57 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, der in Legionen von Büchern dokumentiert, analysiert und gewertet ist, und dem eigentlich nichts mehr hinzuzufügen wäre, wird ein neues Werk noch einmal die Gefühle der Menschen aufwühlen. Das Buch des britischen Historikers und Schriftstellers Antony Beevor, " Berlin 1945: Das Ende", es erscheint im September in deutscher Übersetzung, hat Quellen erschlossen, die bis heute unzugänglich waren. Beevor durfte in russischen Archiven Dokumente und Niederschriften von russischen Augenzeugen lesen, die seit Stalin in den geheimen Dokumentenbunkern von Moskau und Podolsk lagerten - ein Archiv des Verschweigens, aus der Furcht, es würde ein Schatten auf den "Großen Vaterländischen Krieg" der Sowjetunion gegen das Hitlerreich fallen. Beevors Beschreibung der letzten 115 Tage des NS-Reiches, das er nüchtern "Das Ende" nennt, ist auch ein Synonym für das Ende von allem, was wir unter Zivilisation verstehen. Der abgrundtiefen Unmenschlichkeit, mit der Hitler Leid über Europas Völker brachte, folgte die furchtbare Rache der Überfallenen. Berlin, Weihnachten 1944: Die Menschen leben in Bunkern, am Tage bombardieren die Amerikaner die Stadt, in der Nacht die Engländer. Jeder lebt in der Gewissheit, dass alles zusammenbricht, das Dritte Reich und die persönliche Existenz. Die Bunker sind so voll, man zündet Kerzen an, um zu prüfen, ob noch genug Sauerstoff vorhanden ist. Das Kürzel LSR als Hinweis für Luftschutzraum haben die Bunkerbewohner längst in "Lernt schnell Russisch" umbenannt. Es regiert der Galgenhumor. Die Empfehlung zum Fest lautet: "Denk praktisch, schenk einen Sarg." Weit im Osten versammelt sich in diesen Stunden eine gewaltige Streitmacht. Hinter den drei Sowjet-Marschällen Rokossowski, Schukow und Konjew stehen 2,5 Millionen Soldaten der Roten Armee, 41 600 Kanonen, 6250 Panzer und 7500 Flugzeuge. Die Überlegenheit der Russen gegenüber Hitlers Armeen im Osten: an Infanterie 11:1, an Panzern 7:1, an Geschützen 20:1 und an Flugzeugen 20:1. Das Ziel heißt Berlin. Hitler glaubt Berichten über diesen Aufmarsch nicht: "Das ist der größte Bluff seit Dschingis Khan." Am 12. Januar 1945 um 5 Uhr bei eisigen Temperaturen und dichtem Schneetreiben ("Russenwetter") bricht der Feuersturm los, und mit ihm beginnt der lange Leidensweg für Hunderttausende deutscher Mädchen, Frauen und Greisinnen. Auf russischen Hinweisschildern an der Grenze zu Ostpreußen stehen Schilder: "Soldat, du betrittst die Höhle der faschistischen Bestie!" Auf den Sowjetpanzern steht "Rache und Tod den deutschen Okkupanten!" Stalins Kriegspropagandist, der Schriftsteller Ilja Ehrenburg, spricht in der Armeezeitschrift von der deutschen Frau als "blonde Hexe" und ruft nach "Rache an den Deutschen". Der sowjetische Offizier und Dramatiker Sachar Agranenko begleitet die Rote Armee in Ostpreußen und schreibt in sein Tagebuch: "Sowjetische Soldaten halten nichts von Verhältnissen zu einzelnen deutschen Frauen. Neun, zehn, zwölf Mann zur gleichen Zeit - vergewaltigt wird im Kollektiv." Sowjetische Offiziere, die die Gräuel missbilligen, trauen sich nicht, sie beim Namen zu nennen. Sie sprechen vorsichtig von "unmoralischen Vorkommnissen". Kreml-Herr Stalin ist über die Ausschreitungen an der Front informiert. Er erhält einen Lagebericht, in dem es heißt: "Viele Deutsche erklären, dass alle Frauen, die in Ostpreußen zurückgeblieben sind, von Soldaten der Roten Armee vergewaltigt werden. Selbst Zwölfjährige werden nicht verschont." In einem Bericht der 43. Armee wird eine Frau namens Emma Korn genannt, "die von zwölf Soldaten nacheinander vergewaltigt wurde". Der Politoffizier eines Panzerregiments wird nach der Kapitulation am 8. Mai 1945 damit prahlen, dass die Rote Armee in Deutschland "zwei Millionen Kinder hinterlassen" habe. Wie sind diese Gräuel, die die Schlachtfelder von Ostpreußen bis nach Berlin zwischen Januar und Mai 1945 säumten, zu erklären? Der sowjetische Schriftsteller Wassili Grossman hat Stalins Armeen auf dem Weg nach Berlin als Tagebuchschreiber begleitet. Er kommt zu dem Schluss: "Die extreme Gewalt lähmte den menschlichen Geist auf dem ganzen Kontinent." Der britische Historiker Beevor erklärt die Massenvergewaltigungen mit der desexualisierenden Politik der Stalinzeit. Der Diktator verbannte alles Sexuelle aus der sowjetischen Gesellschaft. Wenn schon Gefühle, dann waren sie nur in der Hingabe an den großen Führer im Kreml erlaubt. Zudem waren die riesigen Heere einfacher und ungebildeter Rotarmisten menschenunwürdigen Drangsalierungen durch ihre Offiziere ausgesetzt. Als Drittes kam der propagandistisch gesteuerte Hass auf alles, was deutsch ist, hinzu und entlud sich bei Betreten des Nazireiches in grausamer Enthemmung. Auch eine Besonderheit in der Roten Armee schürte die Begierde der einfachen Soldaten. Stalin hatte seinen Offizieren erlaubt, sich eine "Frontfrau"aus den Reihen des Nachrichtenpersonals, der Schreiberinnen und Krankenschwestern, zu halten. Die junge Soldatin Musja Annenkowa schrieb nach Hause: "Und das nennt sich Liebe! Kein echtes Gefühl, nur animalische Lust." Schriftsteller Grossman wollte das alles erst nicht wahrhaben, als er zur kämpfenden Truppe abkommandiert wurde. Doch nach der Eroberung Schwerins muss er in seinem Tagebuch notieren: "Ich sah den Schrecken in den Augen von Frauen und Mädchen. Furchtbare Dinge werden den deutschen Frauen angetan. Ein kultivierter Deutscher erklärte, dass seine Frau an diesem Tag von zehn Männern vergewaltigt wurde." Auch diese Szene steht in Grossmans Erinnerungen: "Eine junge Mutter wurde in einer Scheune mehrfach missbraucht. Ihre Verwandten kamen und baten die Soldaten, eine Pause zu machen, damit sie ihr Kind stillen könnte. All das passierte ganz in der Nähe des Hauptquartiers unter den Augen der Offiziere." Ungefähr zu diesem Zeitpunkt der Tagebucheintragungen des Schriftstellers heißt es in einem Tagesbefehl Heinrich Himmlers an die Wehrmacht: "Der Herrgott hat noch nie unser Volk verlassen." In dieser zufälligen Duplizität zeigte sich der ganze Wahnsinn dieser Zeit, in der deutsche Frauen sich sogar als verfolgte Jüdinnen ausgaben, im Glauben, sich vor sowjetischen Übergriffen schützen zu können. Die Eroberer hatten nur eine Antwort: "Frau ist Frau." Als die Waffen ruhten, die Trümmer deutscher Städte noch glühten und die Menschen aus ihren Kellern hervorkrochen, gab eine Berlinerin ihrem unerwartet von der Front heimgekehrten Freund ein Tagebuch. Der junge Mann las, dass seine Freundin von Russen vergewaltigt worden war. Er starrte sie an, als sei sie wahnsinnig geworden. Er erhob sich und ging, um etwas zu essen zu besorgen, wie er sagte. Sie sah ihn nicht wieder. Vergewaltigte Frauen, die schwanger wurden, haben in ihrer Verzweiflung Trost in der traurigen Tatsache gesucht, dass der Mann des Hauses im Krieg gefallen ist. Andere ließen die "Russenfrucht" abtreiben, viele, die die Kinder der Gewalt zur Welt brachten, trennten sich von ihren Babys in der Klinik, weil sie wussten, dass ihr Ehemann, Verlobter oder Freund niemals akzeptieren würde, was geschehen ist. Und eine unbekannte Zahl von Frauen zog ihre Russenkinder auf - und schweigt bis heute. Wie viele sich in späteren Jahren, als die Kinder russischer Väter schon groß waren, offenbarten, auch das ist unbekannt. Es ist in gewisser Weise beruhigend für das Deutschland von heute, dass der Autor Antony Beevor ein Engländer ist. Wäre es ein Deutscher gewesen, dem sich die Geheimarchive in Russland geöffnet hätten, wäre ein neuer Historiker-Streit in diesem Land vehement ausgebrochen. Der Tenor: Das vereinigte Deutschland wolle endgültig einen Strich unter die Vergangenheit ziehen, indem begangenes Unrecht mit dem Unrecht anderer aufgerechnet wird. Das hat uns der Brite Antony Beevor erspart.