"Il Canto del Mondo" ehrt Thomas Quasthoff

Kulturpreis

Hamburg. Selten gehen große Menschen aus Ehrerbietung vor kleinen in die Knie. Bei Thomas Quasthoff tun sie es nicht nur, um mit dem 1,35-Meter-Mann auf Augenhöhe zu sein: Im Hamburger Veranstaltungszentrum "New Living Home" bekam der 43jährige Baßbariton - wie vor zwei Jahren Peter Maffay - den Canto-Kulturpreis verliehen. Weitere Preisträgerin: die Pädagogin Gudrun Seime.

"Sie haben noch fünf Sekunden, das war's, danke!" beendete der Contagan-geschädigte Sänger das Blitzlichtgewitter. Nach 30 Jahren bezahlter Konzerte, drei Grammys, einer Goldenen Kamera und einem Bundesverdienstkreuz scheinen ihm Preisverleihungen immer noch unangenehm zu sein.

Doch dieser soziale Preis bedeutet auch Quasthoff mehr als "Platzmangel im Regal". Seit 1999 setzt sich das unter der Schirmherrschaft von Sir Yehudi Menuhin gegründete Netzwerk "Il Canto del Mondo" (Der Gesang der Welt) dafür ein, Singen im Alltag - besonders das von Kindern - zu fördern. Und Quasthoff hat dafür mit zahlreichen Benefizveranstaltungen und öffentlichen Appellen, etwa gegen das bundesweite Musikschulsterben, sein Bestes gegeben.

"Ihre Aktivitäten lassen erkennen, daß es Ihnen nicht nur um Musik, sondern um den ganzen Menschen geht", lobte Kultursenatorin Karin von Welck. Und Jury-Mitglied Hermann Rauhe, ehemaliger Präsident der Hamburger Musikhochschule, bezeichnete seinen Berliner Hochschulkollegen als "begnadeten Pädagogen und Musik-Vermittler": "Nur wer selber brennt, kann andere entzünden."

Das scheint bitter nötig: Denn rund 85 Prozent der heutigen Erzieherinnen können Kinder nicht mehr zum Singen anleiten, so das Ergebnis von "Il Canto"-Forschungen. Dabei seien singende Kinder auffällig gesünder, fröhlicher und belastbarer. Mit Singpatenschaften holt Preisträgerin Seime seit Jahren Senioren in Kindergärten und Grundschulen, die - zur Freude beider Seiten - mit den Kindern singen.

"Musik löst Verkrampfungen", weiß auch Quasthoff zu erzählen und berichtet von Konzerten nach dem 11. September, in denen er seine Zuhörer zu Tränen rührte. Unverkrampft, fast polternd richtet er seine Appelle an die Öffentlichkeit bei der Canto-Preisverleihung: "Wenn ich sehe, wie etwa Unsummen für eine idiotische Rechtschreibreform statt für die Rettung von Musikschulen ausgegeben werden, wird mir ganz anders. Setzt Entscheider ein, die von Tuten und Blasen Ahnung haben!"

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