Sex und Gewalt - geht das deutsche Theater zu weit?

Bühnen-Gipfel: Fünf führende Regisseure diskutieren im Abendblatt, was man dem Publikum zumuten darf.

Hamburg. Peter Zadeks "Othello" war vor 30 Jahren ein Skandal, weil Ulrich Wildgruber die nackte Eva Mattes über die Bühne jagte. Heute, sagt Intendant Jürgen Flimm, würde eine solche Inszenierung "in tosender Begeisterung enden". Und dennoch ist eine neue Diskussion entbrannt - darüber, ob Deutschlands Regisseure die Zuschauer mit immer mehr Brutalität und Obszönitäten überfordern. Brauchen wir mehr Werktreue oder ungebremste Phantasie - ist das die Frage?

Wird auf deutschen Bühnen zuviel provoziert? Verschrecken Regisseure mit Bildern voller Blut und Fäkalien Zuschauer? Gibt es zu viele Nackte im Theater, die, gemeinsam oder allein, ständig sexuelle Handlungen vornehmen? Momentan wird darüber diskutiert, ob auf Deutschlands Bühnen Schauspieler zu oft kotzen, pissen und onanieren müssen oder noch weitaus schrecklichere Dinge treiben. "Ekeltheater" sei das. Statt Stücke zu inszenieren, würden Regisseure "selbstgeschnitzte Blödmannszenen" und "Sprachverhunzung" auf die Zuschauer loslassen. Werktreue, Bürgerwerte und Niveau werden gefordert. Wer dagegenhält, weiß, daß allenfalls zwei oder drei Prozent aller deutschen Theateraufführungen verstörende Bilder zeigen und daß man deutlich mehr Pornographie und verstümmelte Tote durchs Fernsehen präsentiert bekommt als durch die Theaterkunst. Aber warum ist gerade die Wut aufs moderne Regietheater so groß?

Wir nahmen die Debatte zum Anlaß, uns mit vier renommierten Regisseuren, deren Arbeiten man in Hamburg kennt, Jürgen Flimm, Stephan Kimmig, Nicolas Stemann und David Bösch, sowie Thalia-Intendant Ulrich Khuon über die zeitgenössische Bühnenkunst zu unterhalten.

ABENDBLATT: Modernes Regietheater, ist das Schmutz und Sex oder Spiegelbild unserer Zeit?

NICOLAS STEMANN: Regietheater ist wohl offensichtlich das, wo auf die Bühne gekackt wird. Das ist die böse Avantgarde. Und all das, wo die Bühne sauber bleibt und ohne Nackte ist, das ist gutes Bürgertheater. Einerseits ist man ja froh, daß das Theater mal wieder in der Debatte ist. Aber es ist erschreckend, auf welchem Niveau diese Debatte stattfindet. Da geht es ja nur um Körpersäfte. Viel weiter führt das nicht. Dahinter steckt irgendwie die diffuse Sehnsucht nach Werktreue, wobei man sich darunter ein Theater vorstellt, das nicht wehtut. Aber wie soll man Shakespeares "Titus Andronicus" werktreu inszenieren, ohne daß Blut fließt. Das steht doch alles im Stück.

ABENDBLATT: Aber "Macbeth", ausschließlich mit Männern besetzt, die sich zudem nackt im Blut suhlen, wo steht das?

JÜRGEN FLIMM: "Macbeth" nur mit Männern zu besetzen ist nicht ungewöhnlich. Das war schon zu Shakespeares Zeiten so. Ich kenne viele Kollegen, die von dieser Aufführung begeistert waren. Und sie ist immer ausverkauft.

ABENDBLATT: Gibt es denn im Moment mehr Obszönitäten auf der Bühne als in den Jahren davor?

FLIMM: Ich bin ja schon einige Zeit dabei. Es geht seit Jahrzehnten immer wieder darum, ob Nackte auf der Bühne sind, ob gepinkelt, gekotzt oder gevögelt wird. Man sollte eher mal die Frage stellen, ob die Regisseure mit den Stücken machen dürfen, was sie wollen. Oder ob es Leitlinien gibt, die man nicht überschreiten sollte.

ULRICH KHUON: Jeder Autor geht von seiner subjektiven Phantasie aus, seinen Erinnerungen und Begegnungen. Das formt er. Regisseure machen dasselbe. Das pauschal zu verurteilen bringt gar nichts. Man muß gucken, ob die Ideen und Begegnungen plausibel sind und einleuchten. Bei dieser Debatte stehen sich zwei Erwartungen gegenüber. Die einen erwarten im Theater Überhöhung, die anderen Wirklichkeitserfassung. Wenn Zuschauer etwas nicht verstehen, müssen wir zuhören und darauf reagieren. Kunst ist nun mal ein Rätsel.

ABENDBLATT: Beklagt wird, daß Regisseure oft ihre persönlichen Befindlichkeiten auf die Bühne bringen. Aber was soll ein Regisseur inszenieren, wenn nicht das, was er an der Welt erfährt?

FLIMM: Zadeks "Othello", der 1976 ein Skandal war, würde heute in tosender Begeisterung enden. Sehgewohnheiten müssen sich langsam etablieren. Im Theater, wie es 1970 üblich war, würden wir uns heute zu Tode langweilen. Aber warum gibt es dieses extreme deutsche Regietheater weder in London, Paris oder Rom?

STEMANN: Diese Theatertradition gibt es in Deutschland seit mehr als 100 Jahren. Avantgarde hat hier immer viel mit Theater zu tun gehabt. Politik ebenso. Vielleicht ist es eher ein Verlust für die Spanier und Italiener. Bei Gastspielreisen ins Ausland erntet man sehr viel Bewunderung für das deutsche Theater.

STEPHAN KIMMIG: Aber wo ist denn der Skandal? Das wird doch nur behauptet. Ich war gestern in der als skandalös geschmähten Aufführung "Zur schönen Aussicht" im Schauspielhaus, da haben sich die Zuschauer amüsiert. In jedem "Tatort" sieht man doch mehr Blut und Vergewaltigung.

STEMANN: Mir scheint, diese Diskussion wird vor allem von Menschen geführt, die nicht nur den Anschluß ans Theater, sondern auch an alle anderen ästhetischen Debatten der letzten, sagen wir, 20 Jahre verpaßt haben.

KHUON: Wenn Sie fünf Tage hintereinander ins Thalia gehen, können Sie viele unterschiedliche Gespräche und Vorstellungen sehen. Es gibt keine zehn Dogmen, die überall im Theater gelten.

FLIMM: Jede neue Generation macht im Theater alles anders. Bis vor ungefähr zehn Jahren war das deutsche Theater von einer Ehrfurcht gegenüber der Literatur bestimmt. Wieso hat sich das Theater bei uns so entliterarisiert? Wieso ist plötzlich die Annäherung an den Text wichtiger als der Text?

STEMANN: Bei uns geht es seit Brecht darum, die Gesellschaft für politische Diskurse zu gewinnen und dafür das Theater zu benutzen. Oder schon seit Schiller.

KHUON: Wir haben in Deutschland mehr Theater als in jedem anderen Land. Das sind alles kleine Laboratorien oder Spielwiesen. Und natürlich gibt es viele Bühnen die kein Textaufsage-Theater mehr zeigen wollen.

ABENDBLATT: Wieviel darf man am Text verändern, damit er in unsere Zeit paßt? Damit sind wir beim Thema "Dekonstruktion".

KIMMIG: Oder Konstruktion.

FLIMM: Die Frage der Dekonstruktion ist doch: Was setzt man an Stelle? Man muß etwas Entsprechendes finden, was man in die Lücke setzt.

STEMANN: Natürlich muß man dem Text gerecht werden. Aber was heißt das? Wenn ich ein Stück inszeniere, kann ich nur mein Verhältnis zu ihm inszenieren. Ein Stück von Schiller ist nun mal nicht für unsere Zeit geschrieben. Wir Theatermacher müssen Energie produzieren, die die Zuschauer erreicht.

ABENDBLATT: Ist es nicht so, daß sich die Zuschauer auf der Bühne wiedererkennen wollen?

KIMMIG: Natürlich müssen Zuschauer etwas verstehen, um überhaupt andocken zu können. Man sollte sie aber auch mitnehmen, etwas Neues zu lernen.

KHUON: Es gibt Zuschauer, die möchten nur wiedererkennen. Wie bei Wunschkonzerten.

DAVID BÖSCH: Man kann sich vieles in der Vorbereitung auf eine Inszenierung ausdenken, bei den Proben entsteht oft etwas völlig anderes. Theater ist eben lebendiges Spiel.

ABENDBLATT: Wieviel von dem, was Sie sich vorher überlegt haben, wird umgesetzt? Oder lassen Sie die Schauspieler erst mal los?

BÖSCH: Ich treffe mich mit den Schauspielern, und wir entwickeln gemeinsam, was wir über das Leben erzählen möchten. Jedenfalls bestimme ich nicht: So, mach das jetzt mal. Theater ist Vielfalt, ist Entwicklung. Da kann sich nicht einer hinstellen und sagen: So hat Theater auszusehen.

FLIMM: Ich stand neulich vor einem Landestheater, in dem "Der zerbrochene Krug" gespielt wurde. Ich bin nicht reingegangen aus Angst davor, daß mir das, was ich an dem Stück liebe, nicht mehr gegeben wird. Ich hab' Angst, daß mir etwas weggenommen wird. Warum?

KHUON: Es gibt nicht so viele gute Künstler. Es wird viel geklaut und zusammengesetzt.

FLIMM: Ich bin oft traurig über das, was ich sehe.

STEMANN: Das verstehe ich sogar.

FLIMM: Nicolas, das ich das mal von dir höre!

ABENDBLATT: Warum regen sich Zuschauer über Ekelhaftigkeiten auf der Bühne eher auf, als wenn sie sie im Fernsehen sehen?

KHUON: Wegen der physischen Präsenz. Wenn im Kinderstück die Hexe um die Ecke kommt, verkriechen sich die abgebrühtesten Kinder unterm Stuhl.

FLIMM: Wir sind inzwischen auch beeinflußt vom Theater, wie es in der DDR verstanden wurde. Da wurde Goethe zu Honecker, und es ging nicht mehr nur ums Ästhetische wie in der Bundesrepublik. Diese Textbruchstücke haben viele Regisseure wie eine Befreiung empfunden.

ABENDBLATT: Ist denn "Ekeltheater" als Protest zu verstehen?

STEMANN: Der Schock, den Nacktheit auslösen soll, ist ja das Einfachste der Welt. Allein deshalb sollten Nackte im Theater verboten werden, weil sie so langweilig sind. Ein Nackter auf der Bühne kann aber für mehr stehen als nur für Nacktheit. Wenn ein Mord auf der Bühne geschieht, ist das ja auch kein Aufruf zum Mord. Wichtig ist doch, ob das, was man auf der Bühne sieht, aufrichtig ist, ob es uns etwas zu sagen hat. Es stellt sich die Frage, ob Regieführen eine Dienstleistung ist oder Kunst. Natürlich machen wir Theater fürs Publikum. Aber wir müssen auch Dinge zeigen, die nicht denkbar sind, aber darstellbar. Wenn der Nackerte dabei hilft - okay!

ABENDBLATT: Nacktheit ist auf der Bühne sehr direkt. Man sieht nichts anderes als den Nackten.

KHUON: Wenn die Theater zu sehr Dienstleistung liefern, kommen wir ins Kunstgewerbe. Das ist Brauchbarkeit wie bei einem schönen Armreif. Natürlich müssen wir auch nützlich sein, etwa im Bildungsbereich. Aber es muß darüber hinaus auch Rätsel, Geheimnis, Provokation geben. Was das Theater allerdings momentan nicht versucht, das ist gediegen Realität abzubilden. Auf der Bühne soll es nicht aussehen wie im Wohnzimmer, weil das andere Medien besser zeigen.

ABENDBLATT: Aber müßte das Theater nicht auch Zuschauer erreichen, die nicht herumrätseln müssen, was sie da sehen?

KIMMIG: Wenn es inhaltlich stimmt, verstehen Menschen, die noch nie im Theater waren, dasselbe wie Intellektuelle.

BÖSCH: Ich arbeite viel mit der Sprache und Körpersprache der Schauspieler, beziehe Sachen ein, die junge Leute kennen, beispielsweise Comics.

STEMANN: Ich bekomme mit zunehmendem Alter mehr Ehrfurcht vor dem Text. Vielleicht sollte man Stücke wieder, wie der Bundespräsident sagt, "komplett spielen". Ich glaube, das mach' ich demnächst. Da werden sich die Leute nach den harmlosen Nackten zurücksehnen.