Ein manischer Sammler - und ein streitbarer Geist

Nachruf: Carl Vogel starb im Alter von 84 Jahren

HAMBURG. Ich würde sagen, es ist pathologisch": So hat Carl Vogel seinen Sammeltrieb selbst einmal bezeichnet. Wer den ehemaligen Präsidenten der Hamburger Hochschule für bildende Künste (HfbK) in seiner Altbauwohnung in Harvestehude besuchte, dem fehlten die Worte: An den Wänden quetschten sich auf Hunderten von Regalmetern die Bücher. Auf dem Fußboden wuchsen Stapel von Papieren, Zeitungsausschnitten und Kunstwerken zu Türmen.

Dazwischen blieben nur schmale Gänge, um von Raum zu Raum zu gelangen. Carl Vogel flitzte in diesen Zimmern umher - und griff zielstrebig in den richtigen Stapel, wenn er dem Gast ein bestimmtes Objekt zeigen wollte. Er fand es. Auch wenn in dieser 150-Quadratmeter-Wohnung kaum noch ein Platz zu finden war, an dem man seine Kaffeetasse abzustellen gewagt hätte.

Carl Vogel ist tot. Er starb am Sonntag im Alter von 84 Jahren an Krebs. "Die Diagnose kam im letzten September", sagt seine Frau Carin Vogel. "Und dann ging es sehr schnell."

Carl Vogel stammte aus einer Volksschullehrerfamilie. Er wurde nach dem Studium (u. a. Erziehungswissenschaften, Psychologie, Kunstgeschichte) zunächst Volksschullehrer und 1962 Professor an der HfbK, die er von 1976 bis 1989 leitete.

Carl Vogel war ein streitbarer Mann. Er focht für die zeitgenössische Kunst und konnte sich dabei stets auf seine spitze Zunge verlassen. Er setzte sich auch mit Vergnügen zwischen alle Stühle. Denn er war nicht nur ein manischer Sammler, er war auch ein Strippenzieher, der seine Ziele mit allen Mitteln verfolgte, womit er sich nicht immer nur Freunde machte. Nur mit einer Person legte er sich lieber nicht an: mit seiner Frau. "Die ist nämlich Skorpion. Genau wie ich. Wenn zwei Skorpione streiten würden - das wäre tödlich!" - so drückte er es selbst einmal aus.

Wie viele Kunstwerke er tatsächlich gemeinsam mit seiner Frau angesammelt hat, kann niemand sagen. "Insgesamt haben wir mindestens 15 000 Arbeiten", sagt Carin Vogel. Der Hauptteil davon sind Grafiken, und es gibt eine große Anzahl von Aquarellen, Zeichnungen, Gemälden, Objekten und Skulpturen.

Zeit seines Lebens hat Carl Vogel dafür gekämpft, daß seine Sammlung ein eigenes Museum erhält. In Hamburg ist daraus nichts geworden. 1991 stellte er in einer Mammutaktion in den Deichtorhallen aus. 10 000 Exponate von 256 Künstlern füllten die riesigen Wandflächen.

Die Arbeiten von Horst Janssen, mit dem er befreundet war, noch bevor der Hamburger Künstler zu Ruhm und Ehre kam, gab er schließlich nach Oldenburg. Die Stadt hatte dem Ehepaar Vogel im Jahr 1995 mit Hilfe einer Stiftung 1,5 Millionen Mark geboten - und die Janssen-Sammlung erhalten.

Auf der Insel Rügen, in der ehemaligen KdF-Ferienanlage in Prora, zeigten die Vogels seit 1996 große Teile ihrer Sammlung. Die Blätter sind dort nach wie vor zu sehen. Was in Zukunft aus dieser Ausstellung und der Sammlung werden soll, ist ungewiß. Carin Vogel: "Sein größter Lebenstraum war immer: ein eigenes Museum in Hamburg zu bekommen."