Streit um einen Bestseller von 1951

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Matthias Gretzschel

Verlagsvertrag: Autoren-Erben wollen ihn kündigen, Rowohlt besteht darauf. Warum über Ernst von Salomons Buch "Der Fragebogen" jetzt vor Gericht entschieden wird.

Hamburg. Nicht nur für den Autor, auch für den Rowohlt-Verlag war das Buch ein Glücksfall: Der Roman "Der Fragebogen" von Ernst von Salomon erschien 1951 und wurde zu einem der großen Bestseller der Nachkriegszeit. In dem autobiographischen Text setzte sich der Autor kritisch mit der Entnazifizierungspraxis der US-Besatzungsbehörden auseinander und sprach damit schuldig Gewordenen wie Mitläufern gleichermaßen aus dem Herzen.

Die Amerikaner hatten damals die gesamte erwachsene Bevölkerung ihrer Zone verpflichtet, ein 131 Fragen umfassendes Formular gewissenhaft auszufüllen. Nun führte Salomon den Deutschen, den US-Behörden und ab 1955, als das Buch in den USA erschien, auch dem amerikanischen Publikum drastisch vor Augen, daß ein von Bürokraten ersonnener Fragebogen eben nur sehr bedingt für die Klärung der Frage taugt, ob sich jemand im NS-Staat schuldig gemacht hat oder nicht.

54 Jahre nach Erscheinen ist Ernst von Salomons Roman nun Gegenstand einer juristischen Auseinandersetzung zwischen dem Rowohlt-Verlag und den Erben des 1972 gestorbenen Autors. Zu dem Streit kam es, weil Cassian von Salomon, Chefredakteur von "Spiegel TV" und Sohn des Autors, als Bevollmächtigter der Erben eine Hardcover-Auflage des bei Rowohlt als gebundene Ausgabe seit Jahren nicht mehr lieferbaren Buches im Verlag Schwarzkopff Buchwerke herausgeben möchte. Daher wollte er die Rückgabe der Hardcover-Rechte erwirken. Rowohlt zeigte sich jedoch nur zu einer Lizenzvergabe bereit und verlangte eine Gebühr, die der neue Verlag in dieser Höhe nicht aufbringen will.

Viel Geld wäre mit dem Buch, dessen Taschenbuchausgabe Rowohlt nach wie vor im Programm hält, ohnehin nicht zu verdienen. Cassian von Salomon sagt: "Es geht mir eigentlich nur darum, das Werk meines Vaters noch einmal in angemessener Form zu würdigen - und zwar als Edition seiner drei wichtigsten Romane."

Ernst von Salomon (1902- 1972) war nicht nur ein erfolgreicher Autor, er war auch eine schillernde Figur. In Kiel als Sohn eines Offiziers geboren, wurde er in einem Kadettenkorps erzogen. Politisch weit rechts eingestellt, schloß er sich den Freikorps an und nahm am Kapp-Putsch teil.

Ganz unmittelbar beteiligt war er 1922 an der Ermordung des deutschen Außenministers Walther Rathenau. Wegen versuchter Beihilfe zum Mord wurde er zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt.

Anschließend machte er sich als Autor einen Namen. Bei Rowohlt erschienen u. a. seine autobiographischen Romane "Die Geächteten" (1930) und "Kadetten" (1933). Obwohl ihm die Nazis Avancen machten, stand der bekennende Preuße dem NS-System distanziert gegenüber.

In einem Dossier für den US-Geheimdienst schrieb Carl Zuckmayer über Ernst von Salomon: "Es ist schon eine ziemliche Charakterleistung, daß er sich nicht von den Nazis zum ,Helden' oder Märtyrer machen ließ, er hätte sich leicht einen Schlageter-Nimbus verschaffen können, aber er war allerdings durch Freundschaften und Beziehungen zu Intellektuellen für die Nazis verdorben und leise verdächtig."

Die von Cassian von Salomon und der hochbetagt in der Nähe von Hamburg lebenden Witwe des Autors geplante Edition, die als Trilogie "Die Geächteten", "Kadetten" und "Der Fragebogen" in einer Auflage von etwa 1000 Exemplaren umfassen soll, wäre heute sicher vor allem zeit- und literaturgeschichtlich von Interesse. Im Sommer haben die Erben den Verlagsvertrag von 1948 für "Der Fragebogen" gekündigt, da Rowohlt die Hardcover-Ausgabe nicht lieferbar hält und damit nach ihrer Auffassung den Vertrag nicht erfüllt. Nachdem bis Anfang Dezember keine Einigung erzielt werden konnte, haben die Erben jetzt eine Feststellungsklage eingereicht.

Auf Abendblatt-Anfrage verwies Eckhart Kloos, der kaufmännische Leiter von Rowohlt, auf die Bereitschaft des Verlags, eine Lizenz für "Der Fragebogen" zu erteilen. Indem der Verlag die Taschenbuchausgabe lieferbar halte, sei der Verlagsvertrag von 1948 erfüllt. Kloos bedauerte es, daß sich Rowohlt nun in einem Rechtsstreit mit einer Familie befindet, "mit dem der Verlag seit 60 Jahren freundschaftlich verbunden" sei. "Wir müssen den Vertrag aber aufrechterhalten, weil ,Der Fragebogen' ein Buch ist, das für die Geschichte des Verlags große Bedeutung besitzt. Immerhin war Ernst von Salomon mit Ledig-Rowohlt eng befreundet", sagt Kloos und fügt hinzu: "Wenn wir den Roman über 50 Jahre lieferbar halten, ist das sicher eine beachtliche Verlagsleistung."

Wie das Gericht entscheidet, bleibt abzuwarten. Fest steht nur, daß die von Schwarzkopff für das Frühjahrsprogramm geplante Salomon-Trilogie vorläufig nicht erscheinen kann.