Zum Tod einer couragierten Hamburgerin

Flora Neumann: Die Auschwitz-Überlebende starb im Alter von 94 Jahren

HAMBURG. Sie war ein Vorbild, eine couragierte Hamburgerin. Die jüdische Widerstandskämpferin Flora Neumann ist am Montag im Alter von 94 Jahren in ihrer Wohnung in Winterhude gestorben. "Flora war lange schwer krank, aber wunderbar klar im Kopf", sagt ihre Nichte, die Schauspierin und Publizistin Peggy Parnass. "Alle Menschen haben sich ständig in sie verliebt."

Am 23. Februar 1911 wurde Flora Neumann in Hamburg geboren, wo sie nach der Schule in einer Baumwollspinnerei arbeitete. 1938 floh die zierliche Frau mit dem dreijährigen Sohn Bernie vor dem Hitler-Regime aus ihrer Heimatstadt, um ihren Ehemann Rudi in Belgien zu treffen. Der Elektriker war als Antifaschist und Jude seit 1933 bereits mehrmals verhaftet worden.

Als die Deutschen einmarschierten, wurde die Familie erneut auseinandergerissen: Rudi floh nach Südfrankreich, Bernie wurde in einem Nonnenkloster versteckt, Flora ging in den Untergrund. Nach dem Verrat an ihrer Widerstandsgruppe kam sie 1943 nach Auschwitz, von wo aus sie im Januar 1945 auf einem der Todesmärsche ins Lager Ravensbrück gelangte. Nach Kriegsende fand Flora wie durch ein Wunder Mann und Sohn in Brüssel wieder. Auch Rudi hatte die Folter von Auschwitz überstanden. Mit der Wiedergutmachung - für jeden Tag Auschwitz fünf Mark - eröffnete das Paar eine Wäscherei im Karolinenviertel.

In einer Serie im Abendblatt erzählte die "Die Frau mit der Auschwitz-Nummer 74559" im Mai 1985 ihr Schicksal. Sie mahnte: "Alle Deutschen, besonders junge Menschen, sollten dazu beitragen, daß solche Grausamkeiten wie im Dritten Reich nie wieder geschehen." Um ihr Leiden zu verarbeiten, schrieb Flora Neumann 1988 das Buch "Erinnern, um zu leben".

( bir )