Wo man die Zeche mit Kunst bezahlt

Sommerausflug: Hoch im Norden gibt's eine berühmte Gaststätte: Wirt Hanni Thamsen läßt in Bongsiel die Kunst-Tradition wieder aufleben.

Hamburg. Je weiter die Fahrt Richtung Norden geht, desto rauher wird die Landschaft. Weiden und Wiesen, soweit das Auge reicht, und darüber der hohe Himmel. Immer weniger Bäume, immer weniger Häuser. Zuletzt zerstreuen sich die Ortschaften ganz und gar auf einzelne Siedlungen. Zuletzt, das ist am Deich vor dem Hauke-Haien-Koog. Da, wo Storms "Schimmelreiter" zu Hause ist. Eines der Anwesen hier heißt Bongsiel und wurde 1903 als Schleusenwirtschaft gebaut.

Aber einsam waren die Gastleute, die hier lebten, nie. Wirt Johannes Thamsen, genannt Hanni, kann sogar mit vielen prominenten Namen aufwarten, die den Landgasthof in der Nähe von Seebüll besucht haben. "Prinz Philip hat mich schwer enttäuscht", sagt der Mann mit gespielter Verdrießlichkeit. Warum? Weil der Gemahl von Königin Elizabeth die "schönen Grüße an deine Frau" einfach ignorierte. Ob die Geschichte stimmt? Egal. Die Gastfreundschaft der Familie gilt jedenfalls als unbestritten. Auch Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt hat sie kennengelernt, oder Gerhard Stoltenberg.

Besonders aber schätzten immer schon Künstler die Atmosphäre in Bongsiel. "Geh zu Lauritz Thamsen. Da bist du gut aufgehoben", rieten sie sich schon vor 100 Jahren. Zu manchem entwickelte der Gründervater eine tiefe Freundschaft. Besonders zu Alex Eckener (1870-1944), der ihm zahlreiche Grafiken schenkte. Gemeinsam mit Bildern etwa von Leopold Graf Kalckreuth (1855-1928) oder Hans Peter Feddersen (1848-1941) hängen sie an den blauweiß gekachelten Wänden der Gaststube. Auch drei Arbeiten von Emil Nolde sind dabei, der 1937 in Bongsiel seinen 70. Geburtstag feierte. "Kunst muß mit Kunst bezahlt werden", beschied damals Rasmus Thamsen, Sohn von Lauritz, den Maler. Der gab ihm das "Bildnis eines Jünglings" und widmete es "von einem Künstler an einen Künstler".

Unzählige Geschichten ranken sich um Bongsiel und seine Gäste. "Aber es geht so viel verloren", fürchtet Björn Thamsen, der den Gasthof heute in der vierten Generation führt. Zum 100jährigen Jubiläum veröffentlichte er deshalb eine Chronik samt Katalog. Und vor allem läßt er die Allianz mit der Kunst wieder aufleben. Die Ausstellung "Erweiterte Kunstsammlung Thamsen" präsentiert neben den 150 Grafiken, Zeichnungen und Gemälden von 24 Künstlern in den Gaststuben eine Schau der Hamburgerin Carolin Beyer (42). Im Festsaal zeigt sie rund 40 Gemälde, die in den vergangenen zehn Jahren in Bongsiel entstanden oder auf die Landschaft Bezug nehmen. Denn so lange schon besucht die Künstlerin den Gasthof und die Familie, mit der sie sich persönlich verbunden fühlt. Sie hat Hanni Thamsen porträtiert und seine Frau Elsbe. Auch Ester und Lasse, deren kleine Enkel, blicken von Leinwänden. Beeindruckend präsentieren sich Bilder, die sich mit Naturgewalten auseinandersetzen, etwa der Zyklus "Dagebüll landunter" oder das achtteilige Gemälde "Sturmflut".

Wie ist Carolin Beyer auf Bongsiel gestoßen? "Ich habe damals mit Schülern im Garten von Nolde gemalt", erzählt sie. "Zufällig bin ich hier vorbeigekommen und gleich sehr freundlich behandelt worden." Die Künstlerin kam wieder, malte in einem der Ferienhäuser am Teich hinter dem Gasthof, und irgendwann fragte Björn sie: "Willst nich mal den Alten malen?" Sie wollte. Als das Bildnis von Hanni fertig war, kam die ganze Familie zur Begutachtung. "Tja, das muß nich aufs Klo", urteilte der Porträtierte. Seitdem hängt das Bild mit denen der Vorfahren in der Gaststube, und Carolin Beyer darf umsonst in Bongsiel Ferien machen.

Es wurde Zeit, daß wieder eine Künstlerin nach Bongsiel kam. Sonst wäre die Tradition, Kunst und Gastlichkeit miteinander zu verbinden, vielleicht eingeschlafen. Denn ihre Blüte erlebte sie im ersten Drittel des vergangenen Jahrhunderts. Die meisten der Bilder, die dicht an dicht in den drei Räumen der Gastwirtschaft hängen, stammen aus dieser Zeit. Sie erzählen von den Menschen in Nordfriesland, von windgepeitschten Landschaften und von bäuerlicher Arbeit.

Den intensivsten Kontakt zu Künstlern pflegte Lauritz Thamsen (1848-1929), der selbst malte. Seine durchaus gekonnten Tierbildnisse an den Türen der Gästezimmer sind bis heute erhalten. Auch schmücken einige seiner Bilder die Gaststuben. "Malen ist keine Kunst", hatte er einmal gesagt. "Man muß die Striche nur an der richtigen Stelle machen." Mit dieser nordfriesischen Weisheit wird wohl nicht jeder einverstanden sein. Und auch Hanni Thamsen erzählt das nur, weil er gern lacht. Deutlich aber ist, daß Kunst in Bongsiel genauso wie gutes Essen immer mit Selbstverständlichkeit zum Leben gehörte. Daß dann auch schon mal zwei Bierkrüge einem Bild zur Seite gestellt sind, mag man den Wirtsleuten verzeihen. Es ist eben dieser unkomplizierte Umgang mit Kunst, der Bongsiel so liebenswert macht.