Versailles - neuer Glanz für 390 Millionen

Das Lustschloss des "Sonnenkönigs" wird erstmals seit dem Bau vor mehr als 300 Jahren umfassend restauriert. Präsident Chirac will sich damit ein Denkmal setzen.

Versailles. "Versailles! Es ist wunderschön. Man schaut und starrt und versucht zu begreifen, dass es wirklich ist, dass es auf Erden liegt, dass es nicht der Garten Eden ist - aber der Kopf wird einem schwindlig, betäubt von der unendlichen Schönheit ringsumher, und man glaubt beinahe, man werde von einem köstlichen Traum genarrt . . ." Mark Twain war es, der sich da hatte betäuben lassen von jener Pracht und Schönheit, wie sie auf Erden ihresgleichen und der Amerikaner sie nach einer Europa-Reise 1869 in Worte zu fassen suchte ("Die Arglosen im Ausland").

Versailles! Das steht gleichsam für Glanz und Maßlosigkeit seines Erbauers, des "Sonnenkönigs" Ludwig XIV. (1638-1715), der spätestens bei diesem Bauprojekt vom zweiten Teil seiner früheren Maxime nichts mehr wissen wollte. Sie lautete: "Am liebsten wird mir immer alles sein, was möglichst schön ist und wenig kostet." Und Versailles steht auch für die Dekadenz einer Marie-Antoinette (1755-1793), deren Gesellschaften sich in den Sälen und Gärten des Lustschlosses an Theaterspiel und übervollen Tafeln amüsierte, während im nahen Paris das Volk hungerte - bis es schließlich die Barrikaden der französischen Revolution errichtete.

Versailles! Das sind 700 Zimmer, 2153 Fenster, 110 000 Quadratmeter Dachfläche, 352 Schornsteine, 6300 Gemälde, 2000 Skulpturen, 5000 Kunstgegenstände - und mehr als 80 Hektar Garten mit Teichen, Kanälen und zahllosen Wasserspielen. Seit 1976 gehört das Schloss zum Weltkulturerbe der Vereinten Nationen.

Jedoch: Ein Großteil der Gebäude ist heute derart vom Verfall bedroht, dass Frankreichs Kulturminister Jean-Jacques Aillagon jetzt das größte Renovierungsprogramm aller Zeiten angekündigt hat. Bis zum Jahr 2017 soll die gesamte Schlossanlage erstmals seit ihrer Errichtung vor mehr als 300 Jahren umfassend erneuert werden. "Es gibt nur wenige Monumente, die in der Vorstellungswelt unserer Mitbürger und der Geschichte einen vergleichbaren Rang einnehmen", begründete Aillagon den Aufwand. In Frankreich wird das gigantische Vorhaben mit dem "Grand Louvre" von Ex-Staatspräsident François Mitterrand verglichen: Der kunstinteressierte Machtpolitiker hatte sich mit dem Ausbau des Louvre-Museums samt Neuerrichtung einer Glaspyramide im Herzen von Paris in die Geschichte gebaut. Nun will Präsident Jacques Chirac es seinem Vorgänger gleichtun - mit dem "Grand Versailles".

Rund drei Millionen Besucher wandeln jedes Jahr durch die Räume der größten europäischen Schlossanlage, zehn Millionen erfreuen sich an dem monumentalen Park. Und das, obwohl seit Jahren ganze Flügel und Etagen versperrt bleiben, weil die Sicherheit nicht mehr gewährleistet ist. Die elektrischen Leitungen zum Beispiel stammen aus den 50er-Jahren, und viele Prunksäle sind noch nicht mit Feuer- und Rauchmeldern ausgestattet. Das soll sich alles ändern, und zugleich soll die alte Pracht wieder erstrahlen. Und während der Restaurierung soll die Residenz keinen Tag geschlossen werden. "Unsere Besucher werden Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen müssen", kündigt der Versailles-Chefarchitekt Frederic Didier an.

Eine der größten Herausforderung des "Grand Versailles" ist die behutsame und zugleich gründliche Renovierung des weltberühmten Spiegelsaals. 73 Meter ist er lang und 13 Meter hoch. Seine Wände zieren 357 Spiegel, seine Decken imposante Gemälde und Kronleuchter. "Die ,Galeries des Glaces' wird in zwei Etappen renoviert. Wir beginnen auf der Nordseite, die wir wie einen Tunnel verkleiden. Die Besucher spazieren dann durch die Abdeckung, hinter der die Spezialisten ungestört an den Wänden und der Decke arbeiten können", erläutert Chefarchitekt Didier. Zwischen der Neugier der Besucher und dem Ruhebedarf der 40 Restaurateure hat Didier einen Kompromiss gefunden. "Die Arbeiten werden mit Videokameras aufgenommen und auf Bildschirmen gezeigt. Damit ist beiden Seiten gedient." Zwölf Millionen Euro soll allein dieser Bereich verschlingen.

Auch der königliche Zaun - "la Grille Royale" - wird wieder aufgestellt und den Königshof "Cour Royale" begrenzen. 1793 war das drei Meter hohe, teils vergoldete monarchistische Bollwerk im revolutionären Eifer demontiert und eingeschmolzen worden.

390 Millionen Euro - so viel soll die gesamte Renovierung kosten. Ist es das wert? Auch Mark Twain hatte einst der unvorstellbare Aufwand zu denken gegeben, bis er sah, was daraus entstanden war: "Ich hatte Ludwig XIV. immer geschmäht, weil er zweihundert Millionen Dollar dafür ausgegeben hat, diesen wunderbaren Park zu schaffen, als bei manchen seiner Untertanen das Brot so knapp war; aber jetzt habe ich ihm vergeben."