Das erste Foto von Hamburg

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Matthias Gretzschel

Der Große Brand war gerade erst gelöscht, da machte sich der Hamburger Hermann Biow daran, die Schäden zu dokumentieren, mit einem damals völlig neuen Medium.

Hamburg. Mitte Mai 1842 kletterte Hermann Biow mit einem seltsamen Apparat auf das Dach der Börse. Oben angekommen, betrachtete er die rauchenden Ruinen, die ihn auf allen Seiten umgaben. Vor wenigen Tagen hatte Hamburg gebrannt, noch immer rauchten die Trümmer. Ruinen, wohin er blickte: St. Nikolai ein Trümmerhaufen, Turm und Mauern von St. Jacobi eingestürzt. Fast ein Wunder, dass es gelungen war, die erst vor einem Jahr fertig gestellte Börse vor dem Feuer zu bewahren. Biow sah den Jungfernstieg, auf dem sein Kollege und zeitweiliger Geschäftspartner Carl Ferdinand Stelzner Haus und Besitz verloren hatte, wo jetzt die verkohlten Rümpfe der alten Linden anklagend in den Himmel ragten. Am Horizont erkannte er die Mühle auf der Lombardsbrücke - bis dahin hatte das Feuer gewütet, das bald nur noch der Große Brand genannt wurde. Biow hantierte an seinem hölzernen Apparat und brachte ihn in Richtung Jungfernstieg in Stellung. Was er jetzt tat, würde in die Geschichte eingehen, zumindest in die Geschichte der Fotografie.

So etwa dürfte es gewesen sein, als das erste Hamburg-Foto entstand, das zugleich als das weltweit erste Reportagefoto gilt. Hermann Biow war ein Pionier der Daguerreotypie. In seinem Atelier in Altona porträtierte er jene, die sich auf dieses neue Medium einließen: Damen und Herren der Gesellschaft, Familien mit Kindern, Amtspersonen.

Die Qualität seiner "Lichtbilder" wurde im "Hamburger Correspondent" ausdrücklich gewürdigt. "Unseres Wissens ist Herr Biow der Erste in Norddeutschland, der mit Sicherheit heliographische Porträts liefert", hieß es in Hamburgs angesehenster Zeitung. Doch womit sich Biow wenige Tage nach dem Großen Brand beschäftigte, unterschied sich erheblich von seiner Porträtfotografie: Tagelang zog er mit seiner Daguerre-Kamera durch die Stadt, um Ausmaß und Hinterlassenschaft der Katastrophe fotografisch zu dokumentieren. Allein schon technisch war das eine Herausforderung, da er die Platten in einem aufwendigen Verfahren unmittelbar vor der Belichtung präparieren und anschließend schnell entwickeln und fixieren musste.

Am 2. Juni 1842 war wiederum im "Hamburger Correspondeten" zu lesen, er habe es sich zur Aufgabe gemacht, "die noch rauchenden Ruinen zu durchwandern, und ehe die Notwendigkeit die noch stehenden großartigen Trümmer umstürzte, hat er dieselben nach allen Richtungen auf seine Silberplatte fixiert und so eine historisch unschätzbare Sammlung hervorgerufen, die als treue Abdrücke der Natur den späteren Zeiten ein wahrhaftes Bild der Verwüstung zeigen wird, die das furchtbare Element an jenen für Hamburgs Geschichte ewig denkwürdigen Schreckenstagen anrichtete".

Noch im Mai 1842 legte Biow seine insgesamt 46 Daguerreotypien auf einer Sitzung den Mitgliedern des Historischen Vereins, des heutigen Vereins für Hamburgische Geschichte, vor und bot sie dessen "Artistischer Section" zum Kauf an. Doch die Meinungen waren geteilt. Was war diese Daguerreotypie für ein Medium, und könnte sie sich überhaupt durchsetzen? Und wie haltbar würden die Daguerreotypien sein? Vielleicht lösten sich diese seltsamen Bilder, die nur aus Licht bestanden, mit der Zeit in Nichts auf. Den Ausschlag gab - wie so oft in Hamburg - der Kaufpreis. Mochte der prominente Hamburger Maler Martin Genseler sich noch so sehr für den Ankauf der Sammlung einsetzen, was Biow dafür verlangte, erschien den Mitgliedern des Vereins überzogen. Immerhin waren es umgerechnet etwa 500 Courantmark - eine Summe, die kein Kaufmann für etwas ausgibt, dessen Gegenwert er nicht recht einzuschätzen weiß.

So verliert sich die Spur dieser einzigartigen Sammlung, deren Bedeutung für die Frühgeschichte der Fotografie ebenso hoch gewesen sein dürfte wie für die Geschichte Hamburgs. Bis vor kurzem wurden die Bilder irrtümlich dem Hamburger Fotografen Carl Ferdinand Stelzner (1805-1894) zugeschrieben, inzwischen konnte der Fotohistoriker Enno Kaufhold allerdings die Urheberschaft Biows nachweisen. Hermann Biow hat auch später Ereignisse fotografiert, u. a. im Oktober 1846 die Grundsteinlegung für den Neubau der Hamburger Nikolaikirche. Er starb am 20. Februar 1850 in Dresden an einem Leberleiden, das er sich - wie Kaufhold vermutet - "beim Einatmen der Quecksilberdämpfe zugezogen" hatte. Aus seiner Brandserie blieben nur drei Aufnahmen erhalten, eine im Museum für Hamburgische Geschichte, die beiden anderen gehören zur Fotosammlung des Museums für Kunst und Gewerbe.

In der Ausstellung "Es brannte an allen Ecken zugleich" werden diese drei Daguerreotypien im Museum für Hamburgische Geschichte noch bis zum 23. Februar 2003 als Großprojektionen gezeigt.